Wie masochistisch muss man sein, um jede positive Wirtschaftsnachricht unbedingt ins Negative zu drehen? Da stellt sich der Chef der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland abends ins Fernsehen und lobt und preist den Standort D. Dieses Land, strahlt Fred Irwin in die Kameras von ARD und ZDF, habe die "bestausgebildeten Arbeiter" und die "innovativsten Unternehmen" und mithin "alle Chancen, auch künftig an der Spitze zu stehen". Es ist der Tag, an dem die US-Handelskammer ihre jährliche Unternehmerbefragung veröffentlicht. Das Ergebnis: Die Investitionen amerikanischer Firmen in Deutschland dürften in den kommenden Jahren sogar noch zunehmen. Und was machen die deutschen Zeitungen und Online-Dienste daraus? "Miese Noten für den Standort"; "Schlusslicht Deutschland"; "Amerikanische Handelskammer geht mit Deutschland hart ins Gericht" – weil in Irwins offizieller Presseerklärung eben auch der Satz steht, dass dieses Land ein flexibleres Arbeits- und Steuerrecht vertragen könne.

Bloß ein Missverständnis? Wohl kaum.

Da widmet das amerikanische Magazin Time den Deutschen Ende Juli eine große Titelgeschichte, What’s right with Germany lautet sie, frei übersetzt: Bei euch sieht’s wirtschaftlich ja viel besser aus, als ihr uns immer weismachen wolltet! Die amerikanischen Reporter berichten von jungen Unternehmern und jungen Produkten, von talentierten Forschern und ungezählten Patenten, von einer Volkswirtschaft, die nach drei Jahren Stagnation eigentlich alle Möglichkeiten hätte, wieder zu wachsen. Eigentlich. Denn da ist auch die fatale Zukunftsangst der Deutschen, kräftig geschürt von Medien, Politikern und Ökonomen, die alles tun, um ein wahres Horrorbild vom Standort D zu zeichnen.

Jüngstes Beispiel: das Standort-Ranking der Bertelsmann Stiftung, das eine "niederschmetternde Bilanz für Deutschland" (Frankfurter Allgemeine) liefert und "Alarmstufe Rot" (Handelsblatt) signalisiert – und sich dabei vor allem auf die hohe Zahl Arbeitsloser und das schwache Wirtschaftswachstum bezieht.

Natürlich ist Deutschland heute keine Wirtschaftswunderrepublik. Aber dieses Land bewegt sich, und es gibt durchaus gute Nachrichten: Trotz des starken Euro wachsen die Exporte deutlich; deutsche Produkte sind immer noch Weltklasse, was Technik und Qualität betrifft; allein in Baden-Württemberg werden mehr Werkzeugmaschinen gebaut als in den gesamten USA. Nirgendwo in Europa werden so viele Patente angemeldet wie in Deutschland, weltweit sind nur die Vereinigten Staaten findiger. Im vergangenen Jahr investierten Ausländer fast zehn Milliarden Euro in deutsche Firmen. Und die jüngsten Abschlüsse bei Siemens und Mercedes beweisen, dass auch im Land der Flächentarifverträge flexible Lösungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften möglich sind. Dazu kommen die bekannten Stärken: eine hoch entwickelte Infrastruktur. Arbeiter, die selten streiken. Hohe Rechtssicherheit für Unternehmen und Forscher, da es – im Gegensatz zu Amerika – auch keine absurden Sammelklagen gibt.

Warum all das nicht wahrgenommen wird? Ein Verdacht drängt sich auf: Gute Nachrichten passen der Mehrzahl der deutschen Ökonomen und der von ihnen beratenen Politiker einfach nicht in den Kram.

Tatsächlich ist dieses Land von einem seltsamen Mainstream erfasst, von einer kollektiven Hysterie des "Wir haben jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt" und "Es muss vielen von uns schlechter gehen, damit es allen bald wieder besser geht". Dahinter steckt ein absurdes Verständnis von Reformen: Alle Aufmerksamkeit gilt dem Arbeitsmarkt, das gesamtwirtschaftliche Umfeld wird ignoriert. Hat nicht die Regierung mit Hartz IV gerade erst die größte Arbeitsmarktreform der Geschichte beschlossen? Schon geht die Idee um, die Sozialhilfe zu senken, am besten gleich um ein Drittel! Dass die Arbeitsmarktreformen dazu führen, dass die Menschen weniger im Geldbeutel haben, sie weniger konsumieren und die Wirtschaft daher nicht wachsen kann – all das wird ignoriert. Schlimmer noch: Wer darauf hinweist, wird geschmäht. Als "Vulgärkeynesianer". Als "Ewiggestriger". Oder ganz einfach als "links".

Natürlich hat Deutschland ein Problem beim Wirtschaftswachstum; die Staatsverschuldung ist hoch, und jeder Arbeitslose ist definitiv ein Arbeitsloser zu viel. Doch die Exporte laufen gut; selbst das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft geht davon aus, dass die Ausfuhren am Jahresende deutlich über dem Vorjahr liegen werden. Entscheidend für das schwache Wachstum ist die schwache Nachfrage im Inland.