Es begann schleichend, niemand hat den Wechsel mitbekommen. Jetzt aber, da er vollzogen ist, jetzt also fällt auf, dass alle Briefe im Briefkasten gleich aussehen, ob Rechnungen oder Liebesbriefe, auf allen klebt eine Digitalmarke mit schwarzen Strichen drauf, zu denen technikbegeisterte Pragmatiker Bar-Code sagen. Romantiker fragen: Wo ist die alte Sondermarke geblieben? Die Marke, die an Rilkes Geburtstag erinnert, Verkehrssicherheit gemahnt, die deutsch-russische Freundschaft feiert?

Die Fakten sind diese: Es gibt sie noch, die Sondermarke, aber sie führt seit Januar ein Kümmerdasein in Postfilialen mit mindestens drei Schaltern - an der zentralen Briefmarkenkasse. In einem internen Papier der Post steht geschrieben, wie die Mitarbeiter mit dieser neuen Briefmarkenkasse umgehen sollen. Wenn ein Kunde Einzelbriefmarken kaufen möchte, soll der Mitarbeiter ihm stattdessen zuerst ein Zehner-Set selbstklebender Marken anbieten, up-selling nennt das die Post. Wer das Set nicht kaufen mag, soll an die zentrale Briefmarkenkasse geführt werden - wie ein Drogensüchtiger zur Methadon-Vergabe (was so nicht im Papier steht). Ich begleite Sie dorthin, sollen die Mitarbeiter dann sagen, denn die Kasse ist nicht gekennzeichnet.

Warum das alles?

Wir reagieren seismografisch auf die Kritik der Kunden, sagt ein Pressesprecher der Post, und die Kunden hätten sich zuletzt an langen Wartezeiten und an der nachlassenden Klebefähigkeit der Marken gestört. Mit den Zehner-Sets und Digitalmarken werde die Wartezeiterfüllungsquote in den Filialen mit der zentralen Briefmarkenkasse fünf bis zehn Prozent höher sein.

Die Zehner-Sets seien selbstklebend, bislang gibt es drei Motive. Sie nehme bewusst Motive, die massenaffin seien, heißt es bei der Post, Leuchttürme und Blumen bislang. Wir waren vom Erfolg schlichtweg überrascht, auch erfreut, sagt der Sprecher.

Natürlich dient solch eine Maßnahme - auch wenn ein Unternehmen dies so darstellt - nicht nur den Kunden, unter denen es inzwischen einige geben soll, die das Kulturgut Briefmarke vermissen. Kein Land macht so viel Aufwand um die Briefmarken wie wir, sagt dazu Ulrike Bohm vom Postwertzeichenreferat. Der Aufwand sieht so aus: Das Referat hat zehn Mitarbeiter, es gibt etwa 50 Briefmarken pro Jahr heraus und schreibt dazu 35 Wettbewerbe aus. Es gibt einen künstlerischen Beirat für die Auswahl der Entwürfe und einen Programmbeirat für die Themen. Die Mitglieder kommen von der Post AG, vom Bundesfinanzministerium, es kommen auch der Präsident des Bundes Deutscher Philatelisten und Vertreter aller Bundestagsfraktionen. Und weil sich das Referat als Kulturbotschafter versteht, ist auch ein Vertreter der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder und einer der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien dabei.

Wir sind Kulturbotschafter des Landes, sagt Ulrike Bohm, wir wollen die Leute ein bisschen aufmerksam machen. Auf Walter Bergengruens Geburtstag, auf Gewalt gegen Frauen. Mit einem Bar-Code geht das nicht. Pro Jahr werden dem Referat 800 Themen vorgeschlagen. Manche Leute wollen, dass 100 Jahre Dauerwelle per Briefmarke gewürdigt werden, manche finden auch, dass der Fußpilz eine Marke verdient hat.