Giuliana Sgrena hatte während der Invasion des Iraks im März 2003 für die ZEIT ein Tagebuch geschrieben. Seitdem ist sie immer wieder in das Land gefahren. Wir veröffentlichen in einer mehrteiligen Folge ein Tagebuch Sgrenas, das von ihrer dreiwöchigen Reise im September berichtet

Als ich abends ins Hotel zurückkomme, fragt mich ein irakischer Freund in scherzhaftem Ton: "Bist du noch heil?" Es lässt sich leicht scherzen, wenn man einen Tag in Bagdad überstanden hat. Wir haben es wieder einmal geschafft. Das nämlich denkt man immer im Irak, dass heute der letzte Tag sein könnte, den man erlebt.

Bereits im Juli, während meines letzten Aufenthalts, war die Lage für alle Ausländer schrecklich. Es half schon damals wenig, sich etwa als Franzose ausgeben zu wollen, in der Hoffnung, dass man geschont würde, nur weil man einem Land angehört, das nicht an der Invasion des Iraks teilgenommen hat. Schon damals gab es keinen Unterschied mehr. Plötzlich sind wir alle Fremde geworden. Wir alle wurden zu Amerikanern. Ob Mann oder Frau, ob Freiwilliger oder contractor, ob Engländer oder Italiener, oder auch Iraker, der mit den Ausländern zusammenarbeitet. Jeder ist ein Ziel für Selbstmordattentäter, für Entführer und für Henker. Jeder hat seinen Preis: Eine Million Dollar oder der Rückzug der ausländischen Truppen oder beides gleichzeitig. Wir haben gelernt, dieser Lage mit Fatalismus zu begegnen.

"Hast du eine Pistole? Hast du eine Splitterschutzweste?", fragt mich ein Deutscher, den ich im Büro eines irakischen Ministeriums treffe. Er ist entsetzt, als ich verneine. Wohl auch deshalb, weil er an mir nichts verdienen kann. Für Unternehmer, die auf der Suche nach einem guten Geschäft in den Irak kommen, stellt der Deutsche Häuser, Autos, Leibwächter und was sie sonst noch alles brauchen könnten, zur Verfügung. Im Moment gibt es wenig Arbeit für ihn. Er sagt, er würde in den Urlaub fahren. Die meisten Geschäftsleute sind in die jordanische Hauptstadt Amman ausgewichen. Sie warten dort auf bessere Zeiten. Auch viele Journalisten reisen ab. Das Risiko für das eigene Leben ist zu groß, es ist zu schwierig, sich zu bewegen und zu arbeiten. Zweimal täglich fliegt Royal Jordan Airlines die Strecke Bagdad-Amman. Die Plätze sind immer vollständig ausgebucht.

Wie soll man sich schützen, wenn man nicht den Waffen vertrauen will? Man muss nach bestimmten Regeln leben: sich bewegen und möglichst nicht dabei auffallen, fast wie Verschwörer; immer das Tagesprogramm umstellen; die Strecken ändern, die man fährt; Verabredungen verschieben; nach Möglichkeit vermeiden, dass man in einem Verkehrsstau stecken bleibt. Vor allem aber: Man darf niemanden informieren, wohin man geht. Selbst irakische Freunde raten einem dazu, ihnen nicht zu vertrauen.

"Wir sind nämlich erpressbar", sagt mein Freund Khaled, "wenn sie meine Familie bedrohen oder meine Kinder entführen würden, dann weiß ich nicht, ob ich dich nicht verraten würde. Wenn wir uns treffen müssen, dann gib mir nur knapp davor Bescheid. Wenn du nicht kommen kannst, ruf an, damit ich weiß, dass du am Leben bist!"

Den Irakern wird nach und nach bewusst, dass sie zwischen den Besatzern und den Terroristen eingeklemmt sind, dass sie sich in einer tödlichen Falle befinden – eine Falle, die für uns alle gestellt ist.