Zum Abschied darf Roland Mesnier, die Champagnerschale in der Hand, auf den Balkon des Weißen Hauses treten. Ihm zu Füßen liegt der ewig manikürte Rasen, über seinem Kopf knattern die Rotoren des Präsidentenhubschraubers. Es ist einer dieser schwülen Washingtoner Sommertage, und George Bush fliegt gerade eigens zur Abschiedsparty ein. Als der Präsident aussteigt, prostet Roland Mesnier ihm von oben zu – die große Geste eines kleinen Angestellten.

Seit einem Vierteljahrhundert dient Roland Mesnier im Weißen Haus. Fünf Präsidenten, von Jimmy Carter bis George W. Bush, ist er durch den Magen verbunden. Er hat ihnen täglich die Nachspeisen bereitet und allen Staatsgästen dazu. Seine Zeit als Chef-Patissier gelten als Jahre der Dessert-Revolution. Mesniers Amtsantritt 1979 markiert das Ende der fettigen Wohlfühlcremes vom Partyservice nebenan. Seither wird kein Kuchenkrümel mehr zugekauft, jede Kugel Eiscreme ist hausgemacht, jede Frucht frisch geerntet. Zu Staatsdinners gibt es aufwändige Kreationen süßer Bildhauerei aus Marzipan und Schokolade, Puderzucker und Krokant. Und kein Präsident musste je ein- und dasselbe Wunderwerk ein zweites Mal essen – es sei denn, seine Sehnsucht gebot es. In Frankreich geboren und in Deutschland ausgebildet, ist Mesniers Kunst zweifelsohne der wichtigste Einfluss des alten Europa auf das Weiße Haus. Bloß brüsten konnte Mesnier sich damit nie. Denn das Weiße Haus kennt nur einen Star, und der "Pastry-Chef" hat sich in der winzigen Nachtisch-Küche des Ostflügels unsichtbar zu machen. Jedenfalls bis zum Moment der Pensionierung. Da darf Mesnier zum Dank zwischen die schneeweißen Säulen der Veranda treten und aus der Loge der Macht dem Präsidenten zuwinken. Nun ist auch er ein Star.

Zum Abschied an diesem Tag Ende Juli steht zwischen den Stilmöbeln des Old Family Dining Room ein Buffet für den König der Süßigkeiten, und alle sind wie zum letzten Schmaus gekommen. "Ein trauriger Moment", erzählt Mesnier, "besonders weil es die Familie Bush war, die ich verlassen musste." George Bush kannte er schon, als der noch ein junger Mann war und der Vater Vizepräsident: "Man wird sehr anhänglich. Vergessen Sie nicht, dass ich als Patissier etwas Persönliches, fast schon Intimes für die Präsidentenfamilie tue. Eine Frage von Leib und Seele. Am Ende geht es um Gefühle." Ohnehin ist jeder Abschied aus dem Weißen Haus ein Trauerspiel. Den Morgen, an dem der abgewählte Präsident das Weiße Haus verlässt, hat Mesnier immer "als eine Art Beerdigung" erlebt. Die Angestellten des Weißen Hauses versammeln sich im Treppenhaus, Tränen fließen, alle winken, und der erste Mann des Staates schreitet von dannen. Wenn wenig später der neue Präsident einzieht, "empfinde ich ihn fast wie einen Feind. Denn er hat demjenigen, dem ich so verbunden war, den Job weggenommen. Ein paar Wochen geht das so, bis ich herausfinde, was man dem Neuen servieren muss und wann. Und meine süße Zwiesprache beginnt von neuem." Viermal hat Mesnier diesen Zyklus erlebt, und am Ende von Bill Clintons Amtszeit schwor er sich: "Das ist der letzte Präsident, den ich gehen sehe." So hat George Bush Mesnier das Abschiedsgeschenk überreichen müssen: die hölzerne Werkbank, auf der er 25 Jahre lang Unikate gefertigt hat. Auf einer Messingplakette sind die Namen von Mesniers fünf Präsidenten eingraviert.

Ein paar Wochen liegt dieser Moment nun zurück, und Roland Mesnier kommt langsam zur Ruhe. In den Hügeln von Virginia hat er sich vor Jahren eine Villa gekauft und wie ein französisches Landhaus hergerichtet. Sein Büro ist eine Art Erinnerungsschrein. Auf dem Boden stehen Pappkisten mit Rezepten und Bildern von 3000 verschiedenen Desserts für Empfänge und Staatsdinners. Tapete ist kaum zu sehen, denn überall hängen Bilder der größten kulinarischen Momente im Weißen Haus. Und mittendrin, an seinem Schreibtisch, er, ein munterer Herr von 60 Jahren, der rund und rosig wirkt. Sein Hemd trägt er offen. Die oberen Knöpfe würden sonst spannen. Als erste Aufgabe für den Ruhestand hat er sich vorgenommen, 40 Pfund abzunehmen, und zwar "bis Weihnachten".

Mit sich selbst war Mesnier im Weißen Haus nie so streng wie mit seinen Präsidenten. "Kein Snack", kein Mahl zwischen den Mahlzeiten, lautet die eiserne Regel. Kalorienarme Nachtischkost hat Mesnier schon vor Ewigkeiten eingeführt. Ohnehin ist er Fan natürlicher Geschmacksrichtungen: "Wenn man Früchte hat, Birnen, Pfirsiche oder Kirschen, alle wunderbar reif, dann gibt es nichts mehr zu verbessern. Diese Perfektion hat uns der liebe Gott geschenkt." Weshalb ihm so neumodische Aromen wie Zitronengras oder Kardamom nicht an seinen Nachtisch kommen. Trotzdem haben ihn die drei jüngsten Präsidenten beschuldigt, er wolle sie "mit Desserts umbringen". Füllig geworden ist am Ende nur Mesnier selbst. Wahrscheinlich, weil er zwischendurch zu viel probiert hat.

"Schauen Sie hierher", ruft Mesnier und weist auf die Wand seiner Erinnerungsfotos. Das größte zeigt Ronald Reagan bei einem gesetzten Essen im Weißen Haus. "Sehen Sie sich sein Gesicht an!" Reagan scheint glückselig zu sein. Eine Kellner präsentiert dem Präsidenten eine Waage der Justitia, ganz aus dunkler Schokolade, umstellt von zartgelbem Birnensorbet. Es ist ein Dinner für die Richter des Verfassungsgerichts, und Reagan hält zwei Teelöffel in den Händen, bereit, sich einzugraben in diese Kreation. "Wenn ein Präsident ein Dessert derart feiert, habe ich gewonnen."

Wenn der Präsident Erfolg hat, muss der Nachtisch "ein Feuerwerk" sein

Ronald Reagan war nach Mesniers Erinnerung "eine Naschkatze", liebte Baiser und Nusstorte mit Schokoladenfüllung. Dessen Nachfolger, der ältere George Bush, hat einen "klassischen Geschmack" und bevorzugt Speisen, die "Sie und ich seit hundert Jahren kennen". Auch dessen Sohn mag es "eher gutbürgerlich", schätzt "schlichte amerikanische Kuchen, nichts Kompliziertes." Nur Eis muss immer dabei sein. "Ein bisschen Texas", vermutet Mesnier, spiegelt sich in diesen Vorlieben. Andererseits ist schon merkwürdig, dass der frugale George Bush ähnliche Desserts liebt wie der sinnenfreudige Bill Clinton. Schade bloß, dass Clinton nicht darf wie er mag. Wegen dessen Laktose-Allergie gab es im Weißen Haus acht Jahre lang keine Schokolade, kein Eis, keine Sahne, keine Milchprodukte. Mesniers Kreativität hat das enorm beflügelt.