Es ist, als wüssten sie um den künftigen Lauf der Geschichte. Es ist, als wüssten sie schon um ihren eigenen Triumph. Doch sie gebärden sich bescheiden, unwissend fast.

Elf führende deutsche Neurowissenschaftler haben ein Manifest verfasst, das in der kommenden Woche in der Zeitschrift Gehirn & Geist erscheinen wird. Noch, sagt es, wissen wir fast nichts. Doch in zehn Jahren beherrschen wir das kleine Einmaleins des Gehirns, wir werden Alzheimer und Parkinson, Schizophrenie und Depression besser verstehen und behandeln können. In zwanzig, in dreißig Jahren wird es dann zwischen Geist und Gehirn, Handlungsfreiheit und Aktionspotenzialen keine Widersprüche mehr geben. Sie werden sich einfach aufgelöst haben.

Dass ihre Vision Angst machen könnte, scheinen die Autoren zu ahnen. Der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, der Bremer Gerhard Roth, der im kalifornischen Pasadena arbeitende Christof Koch haben schon unzählige Debatten geführt um den Sitz der Seele und die Freiheit des Willens. Sie kennen die Furcht vor dem neuronalen Reduktionismus. Nun beruhigen sie: So weit die Forschung auch fortschreite, aus den bunten Mustern, die Tomografen aus der Hirnaktivität eines Probanden erzeugen, ließen sich niemals dessen Gefühle und Gedanken ablesen. Doch sie warnen auch. "Was unser Bild von uns selbst betrifft, stehen uns … beträchtliche Erschütterungen ins Haus. Geisteswissenschaften und Neurowissenschaften werden in einen intensiven Dialog treten müssen, um gemeinsam ein neues Menschenbild zu entwerfen."

Starke Worte, dabei beschreibt das Manifest zunächst nichts anderes als ein gewaltiges Forschungsprogramm. Zwei Ebenen der Hirnaktivität können die Wissenschaftler bisher recht gut untersuchen: Die Physiologie des einzelnen Neurons, die Mechanik seiner Membranen, die Reizbarkeit seiner Rezeptoren sind weitgehend verstanden. Und bildgebende Verfahren haben den Blick auf die oberste Ebene der Informationsverarbeitung im Kopf eröffnet; die Forscher wissen, wo wir Sprache verstehen, wo Bilder analysieren.

Doch die Zwischenwelt entzieht sich bisher ihrem Zugriff. Um in sie einzudringen, müssen sie das Zusammenspiel Tausender Nervenzellen untersuchen. Und darum fallen im Manifest Begriffe, wie sie in einem Antrag auf Forschungsmittel stehen könnten: "multiple-Photonen-Mikroskopie", "detailreiche Modellierung mit Hochleistungsrechnern".

Das, man ahnt es, kostet viel Geld. Dabei sind nicht einmal die künftigen Konzepte jener "theoretischen Neurobiologie" geboren, von denen sich die Forscher Aufklärung über das Ich erhoffen. Sie soll die klassische Hirnforschung ergänzen wie die Quantenphysik die klassische Mechanik. Eine schöne Idee, eine Revolution aber wird sie kaum heraufbeschwören. Denn mal ehrlich: Wer versteht schon die Quantenphysik?

Das Manifest ist ab 18. Oktober auch im Internet nachzulesen: www.gehirn-und-geist.de/manifest