"Er ging tief in sich hinein und kam nie wieder heraus", schreibt der englische Autor Geoff Dyer über den mysteriösen Pianisten Thelonious Monk und trifft den Kern dieser Musik. 2001 erschien But Beautiful, Dyers Buch mit Jazz-Porträts, auf Deutsch, eine literarische Offenbarung, ein Zwitter zwischen Sachbuch und Belletristik, verbürgten Ereignissen und wahren Gefühlen. "Vielleicht das beste Buch, das je über Jazz geschrieben wurde", vermerkte die Los Angeles Times, und der kritische Pianist Keith Jarrett bestätigte, es sei "das einzige Buch, das ich meinen Freunden empfehle. Es ist ein Juwel." So ist es.

Nun lässt sich an vier ausgewählten Hörporträts genießen, was diese Sammlung von acht Buchporträts (Fischer Taschenbuch, 12,90 €) so unvergleichlich macht, was all den musikwissen-schaftlich grundierten Musikrezensenten des Tagesgeschäfts meist fehlt. Es ist das Risiko, seiner Begeisterung eine Sprache zu geben, mögliche Peinlichkeiten in Kauf zu nehmen, wenn es um die Musik geht. Der 1958 geborene Geoff Dyer schafft es, den Heroen, die er selbst nicht mehr gesehen hat, jenes Leben einzuhauchen, das in ihrer Musik zu hören ist. Er erzählt von Lester Young, dem coolen Romantiker des Tenorsaxofons, der in einem Hotelzimmer auf den Tod wartet und sich erinnert, wie man ihm bei der Army das Leben ausgetrieben hat. Jazz, das war immer: seinen eigenen Klang zu finden. Die Armee, das war immer: alle gleich zu formen. "Alles musste rechte Winkel und scharfe Kanten bilden… Sogar die Uniformen waren dazu entworfen, den Körper umzuformen, einen eckigen Menschen aus einem zu machen. Nichts Gebogenes oder Weiches, keine Farben, keine Stille."

Geoff Dyer collagiert Szenen, die der Zeit Konturen geben. Er lässt dem Menschen so viel wie der Musik. Über das Spiel von Thelonious Monk notiert er: "Er griff in die Tasche, holte ein Taschentuch hervor, spielte nur mit einer Hand, hielt das Taschentuch, wischte Töne auf, die von der Tastatur übergelaufen waren, wischte sich das Gesicht, während er die Melodie mit der anderen Hand hielt."

Und Matthias Brandt liest diese Geschichten so weich und einfühlsam, dass manch Überlesenes wieder zu klingen beginnt. "Je härter die Welt erschien", heißt es bei Lester Young, "desto weicher wurde seine Sprache." Das gilt auch für diese Lesung. Schade, dass der gut gedachte Versuch, mit Gastsprechern dem Text zusätzlich Farbe zu geben, scheitert. Monk-Fan Helge Schneider nuschelt im Thelonious-Monk-Kapitel allzu schlampig, während Till Brönner bei Chet Baker wieder einmal nur sich selbst feiert. Allein der wunderbare Bassist Jimmy Woode steuert mit seinen Sätzen aus dem englischen Original zu Charles Mingus jenen Sound bei, der dem Text atmosphärische Lichtpunkte aufsetzt.

So spiegelt dieses Hörbuch jene lebenslange Schizophrenie zwischen Liebe und Verzweiflung wieder, die den Jazz offenbar nicht loslässt. Liebevoll sind die Musiktitel von Monk, Young, Mingus und Chet Baker eingestreut und ausgewählt, melodiös fließt die deutsche Übersetzung, und im gleichen Augenblick wird es ärgerlich. Selbst drei Jahre nach Erscheinen der deutschen Ausgabe hat das Lektorat es nicht geschafft, das Saxofon nicht mit der Trompete zu verwechseln, liest Matthias Brandt – "Jazzliebhaber und -kenner" – flüssig über unsinnige Wörter wie "ASax-Sirup" hinweg, als würde jedermann diesen besonderen Saft zum Frühstück genießen. Offenbar sollte das Korrekturprogramm des Computers jedes "horn" des Musikers in ein "Sax" verwandeln.

Es sind die Beobachtungen dieses Autors, die unverletzlich bleiben: "Jeder Ton, den er spielte, war eine Vorahnung des letzten – als sei Improvisieren eine Form von Hellseherei, als spiele er einen Abgesang auf die Zukunft."