Die typische Verkäuferin ist 41 Jahre alt, seit Anfang der Neunziger bei Karstadt angestellt, arbeitet Teilzeit und fürchtet seit zwei Wochen um ihren Job. Ihre Zukunftsangst teilt sie sich mit den meisten anderen Mitarbeitern, die in den Warenhäusern zwischen Flensburg und Freiburg neue Pullover in die Regale räumen, hinter der Registrierkasse stehen oder Kunden beim Kauf einer Hose beraten. Gewerkschafter und Betriebsräte verhandeln täglich mit den Vorstandsmitgliedern der KarstadtQuelle AG um ein Sanierungskonzept für den notleidenden Einzelhandelskonzern. Doch praktisch geht es bloß noch um die Frage, welche Opfer die rund 95000 Beschäftigten bringen müssen.

Bereits an diesem Donnerstag könnte sich ihr Schicksal entscheiden.

Dann sollen die Aufsichtsräte von KarstadtQuelle zusammenkommen, um die Anteilseigner für Ende November zu einer außerplanmäßigen Hauptversammlung einzuladen. Der enge Terminplan setzt die Verhandlungspartner unter Druck, schnell zu einem Ergebnis zu kommen. "Beide Seiten haben große Angst, dass ihnen die Hauptversammlung um die Ohren fliegt, wenn sie nicht schon jetzt ein Sanierungskonzept präsentieren, das von allen Beteiligten getragen wird", heißt es aus Teilnehmerkreisen. Auf der Hauptversammlung soll nämlich eine Kapitalerhöhung um 500 Millionen Euro beschlossen werden – und diejenigen, die das dringend benötigte Geld zuschießen könnten, wollen offenbar schnelle Ergebnisse.

Da ist zum einen die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz aus Fürth mit ihrem Familienstamm. Gemeinsam halten sie einen Anteil von knapp 42 Prozent an KarstadtQuelle und sind damit größter Einzelaktionär. Zum anderen ist da der Versicherungskonzern Allianz, der etwas mehr als ein Zehntel aller Karstadt-Aktien besitzt. Beide haben ihre Zustimmung zur geplanten Kapitalerhöhung signalisiert – Madeleine Schickedanz würde dies schätzungsweise rund 200 Millionen Euro kosten, die Allianz etwa 50 Millionen Euro. Allerdings sollen sie im Gegenzug eine Reihe von Bedingungen gestellt haben. Dafür spricht auch eine im Nachhinein geänderte Pressemitteilung von KarstadtQuelle: Als der Konzern am 28. September die Öffentlichkeit über die dramatische Lage informierte, hieß es noch, die beiden Großaktionäre hätten "ihre Bereitschaft erklärt", die Kapitalerhöhung mitzutragen. In einer später im Internet veröffentlichten Version war daraus bloß noch eine "grundsätzliche Bereitschaft" geworden. Auf die abgeschwächte Formulierung soll die Allianz gedrängt haben, die – so heißt es – sich die Möglichkeit zum Ausstieg ausdrücklich offen halten wollte.

Zum Redaktionsschluss am Dienstagabend war noch nicht abzusehen, ob sich Vorstand, Betriebsräte und Gewerkschafter tatsächlich rechtzeitig bis Donnerstag auf ein Sanierungskonzept einigen werden. Am Montag waren Gespräche über Einschnitte beim Versandhaus Quelle ergebnislos vertagt worden, am Dienstag lief die erste Verhandlungsrunde zur Zukunft der Warenhäuser. Trotzdem äußerten sich alle Parteien zuversichtlich, bis Donnerstag ein Ergebnis vorlegen zu können.

Die Essener Konzernleitung will bis 2007 insgesamt eine halbe Milliarde Euro sparen und dies vor allem über einen Abbau von Personalkosten erreichen. Die Gewerkschaft ver.di fordert eine Beschäftigungssicherung, ist bei übertariflichen Leistungen aber zu Zugeständnissen bereit – sofern diese "auf Kreditbasis" erfolgen, also rückgängig gemacht werden, sobald es dem Unternehmen wieder besser geht. Während es bei ver.di heißt, man verhandle "immer noch um das Ob" von betriebsbedingten Kündigungen, ist aus unternehmensnahen Kreisen zu hören, Stellenstreichungen werde es "mit großer Wahrscheinlichkeit" geben. Die zu sparende Summe sei viel zu groß, als dass man sie allein durch Gehaltskürzungen erreichen könne.

Mit Personalabbau hat KarstadtQuelle immerhin genügend Erfahrung: Innerhalb von fünf Jahren wurde die Belegschaft um rund 15 Prozent reduziert. Im vergangenen Jahr wurden zudem 1200 ehemalige Mitarbeiter der Warenhäuser bei konzerneigenen Beschäftigungsgesellschaften untergebracht.

Wer im Unternehmen bleiben darf, wird sich wohl auf deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen einstellen müssen. Nach Angaben von KarstadtQuelle geht es neben den Einschnitten bei übertariflichen Leistungen um etwa fünf Tage weniger Urlaub im Jahr sowie um eine auf bis zu 42 Stunden pro Woche verlängerte Arbeitszeit.