Der Irak ist ein großes Problem für den ganzen Westen, das steht außer Zweifel. Aber bedeutet dies, dass sich der ganze Westen an seiner Lösung beteiligen muss? Kann deshalb gefordert werden, dass auch die Deutschen sich gefälligst in Bagdad zu engagieren hätten? Natürlich, das kann man, und das wird auch geschehen, ganz egal, ob John Kerry US-Präsident wird oder ob George W. Bush es bleibt. Selbst die härtesten Krieger in Washington sehen ein, dass die Supergroßmacht den Irak allein nicht packen kann. Verbündete müssen her - und sie müssen ran. Der Feind des Westens nämlich, so wird suggeriert, steht an Euphrat und Tigris. Berlin wird in der Tat eine Antwort finden müssen.

Wer einen Einsatz der Bundeswehr im Irak befürwortet, muss die alles entscheidende Frage beantworten: Was soll sie dort? Befrieden, mäßigen, stabilisieren, das ist die Aufgabe, das ist das Selbstverständnis. Wo immer in den letzten Jahren deutsche Truppen eingesetzt wurden, haben sie das mit mehr oder weniger Erfolg getan. In Bosnien, im Kosovo, in Afghanistan.

Im Irak ist die Lage völlig anders. Ausländische Truppen befrieden das Land nicht, sondern sie schüren den Konflikt, sie beruhigen nicht, sondern gießen Öl ins Feuer. Wer das nicht glauben will, der kann sich im Irak umhören. Er wird immer wieder die folgende Meinung hören: Ja, es ist gut, dass Saddam weg ist - ja, es ist gut, dass unser Land wieder aufgebaut werden soll, dass Geld fließt, dass Straßen gebaut werden, Schulen, Krankenhäuser. Das alles findet Zustimmung, und trotzdem werden die Besatzer als Extremisten wahrgenommen, nicht als mäßigende Kraft.

Wer Gründe für diese Meinung hören möchte, der wird noch einmal das ganze Repertoire an Schändlichkeiten des Besatzers präsentiert bekommen. Eine bittere Anklage ist da zu hören über eine Streitmacht, die angeblich gekommen war, um ein Volk zu befreien und zu beglücken, und die dann ebendieses Volk mit barbarischen Akten traktierte und immer noch traktiert. Mit Folter kann man nicht nur keine Freunde gewinnen, sondern man verliert sie auf Dauer - mit Präzisionswaffen, die Kinder töten, schafft man sich keine echten Bündnispartner, sondern nur solche, die sich aus Furcht und Schrecken beugen.

Dies überschattet leider alle durchaus vorhandenen Bemühungen, den Irak wieder aufzurichten. Selbst ein wohlwollender Besatzer wäre zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr willkommen. Zu Recht fürchtet man, dass der Irak in Bürgerkrieg und Staatszerfall versinken könnte. Deshalb müssten die Soldaten dableiben, deshalb müssten mehr Bündnistruppen in das Land: Dieses Argument verdreht die Tatsachen. Es ist wahr, dass der Irak ohne die eiserne Kappe der Diktatur zerfallen könnte. Es ist aber auch wahr, dass Bürgerkrieg und Zerfall durch die Politik der Besatzer wahrscheinlicher geworden sind. Armee, Polizei, Ministerien - alles, was es braucht, um einen Staat einigermaßen zusammenzuhalten, ist von den Besatzern zerschlagen worden. Sie haben im Irak erst das Machtvakuum geschaffen, welches die Entfaltung des Schreckens begünstigt hat.

Deutsche Truppen könnten aus all diesen Gründen in Bagdad nichts ausrichten, nichts, was im Sinne der Stabilisierung wäre. Sie wären Kriegspartei in einem Kriege, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Deshalb den Irak als hoffnungslosen Fall abzuschreiben wäre dennoch falsch.