Der Startschuss für den jüngsten Angriff gegen die Seuche fiel am vergangenen Freitag. Im Rahmen der größten Impfaktion aller Zeiten schwärmten eine Million Helfer aus. Im Gepäck hatten sie – gut gekühlt – den Impfstoff gegen Kinderlähmung. Zu Fuß, auf Eseln und Pferden, per Fahrrad, Boot oder Auto gelangten die Impfer in die Dörfer von 23 afrikanischen Staaten. Vier Tage später hatten sie 80 Millionen Mal je zwei Tropfen davon in einen Baby- oder Kleinkindermund geträufelt.

Die Aktion soll auf einem Gebiet größer als Westeuropa jedes Kind unter fünf Jahren erreichen. Sie ist Teil des womöglich letzten Kreuzzugs gegen den Erreger, der einst jährlich Hunderttausende lähmte oder tötete. Bis Anfang 2005, so hofft die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird das ehrgeizige Unterfangen das Virus ausgerottet haben. Es wäre nach den Pocken erst die zweite Seuche, die sich die Menschheit dauerhaft vom Leibe schafft. "Polio hat bald kein Versteck mehr", frohlockt ein Sprecher des Kinderhilfswerks Unicef.

Der Mann könnte sich irren. Von den Gesundheitstruppen der WHO in die Enge getrieben, hat das Polio-Virus neue dunkle Seiten offenbart, die seine Ausrottung wieder infrage stellen. Als sämtliche Staaten 1988 beschlossen, das Virus von der Erde zu tilgen, erschien das zunächst ein unkompliziertes Unterfangen: Man brauchte nur durch flächendeckende Impfkampagnen die Infektionsherde weltweit zum Verschwinden zu bringen, danach stünde das fortan eingesparte Geld – knapp drei Milliarden Euro hat der Kampf bis heute verschlungen – gegen andere Krankheiten wie Aids oder Malaria zur Verfügung. "Das war wohl etwas naiv gedacht", sagt Roland Sutter, Polio-Spezialist der WHO heute.

Ausgerechnet der Impfstoff, der das Virus von der Erde zu fegen hilft, könnte nach der Polio-Ausrottung neue Epidemien auslösen. Denn das abgeschwächte Virus, das im Vakzin verwendet wird, kann sich lange Zeit in der Bevölkerung halten und über Mutationen neue zerstörerische Kraft freisetzen. Bereits vier Krankheitsausbrüche hat der Impfstoff im Laufe der Kampagne ausgelöst. "Noch kein Mensch weiß, wie man dieses Problem lösen kann", warnt Kurt Bienz, der Präsident der schweizerischen Kommission zur Überwachung der Ausrottung der Poliomyelitis.

Die Erinnerung an die Zeit, als gegen die Kinderlähmung kein Kraut gewachsen war, ist noch lebendig. In Deutschland leiden noch heute etwa 60000 an den Folgen einer Polio-Infektion. Ihren Höhepunkt hatte die Seuche Anfang der fünfziger Jahre erreicht. Jährlich erkrankten weltweit über 600000 Kinder. Manche Eltern banden ihren Kindern Schnüre mit Säckchen voller Knoblauch um den Hals, um sie vor der Lähmung, dem Leben in der eisernen Lunge oder dem Tod zu bewahren. Die Schwimmbäder galten als Ansteckungsorte und wurden gemieden. Viele Kinderkrankheiten gingen damals zurück; umso größeren Schrecken erzeugte Polio. Dann entwickelten die US-Forscher Jonas Salk und Albert Sabin zwei Impfstoffe, die ab Mitte der fünfziger Jahre eingesetzt wurden. Innerhalb einer halben Dekade verschwand in den westlichen Staaten die Seuche fast gänzlich.

Während der Impftage schwiegen in Angola die Waffen

Aber im Rest der Welt wütete die Poliomyelitis weiter. Nach wie vor erkrankten über 350000 Kinder pro Jahr. Als 1977 die Ausrottung der Pocken als sicher galt, hofften viele Ärzte, der Erfolg ließe sich bei der Kinderlähmung wiederholen. Allerdings stellt Polio ihre Bekämpfer vor größere Schwierigkeiten. Während das Pockenvirus einen Ausschlag verursacht, den jeder Bauer in Indien oder Angola leicht erkennt, zirkuliert die ansteckendere Polio unsichtbar. Nur bei einem Prozent aller Infizierten ruft sie Symptome hervor, und diese lassen sich bei Ausbruch der Krankheit schlecht diagnostizieren. Außerdem genügte bei Pocken eine Impfung. Gegen Polio benötigen Kinder in unhygienischen Verhältnissen bis zu acht Impfungen, damit sie geschützt sind.