Seit ich aufgehört habe mit Rauchen, denke ich am liebsten an die Zigarette, die ich nicht rauche, sagt Olaf, einer der vier Männer, die sich in Theresia Walsers Wandernutten zur Herrenpartie versammeln. In der Uraufführung am Stuttgarter Staatsschauspiel spielt Peter Wolf den Abstinenzler als blonde Einfalt. Dass ihm neben all der Harmlosigkeit, die er penetrant ausschwitzt, gelegentlich so luzide logische Einsichten unterlaufen, ist der eigentliche Witz: Parzival kann auch Philosoph sein. Als solcher wäre er auch fähig zu jener abgrundtiefen Erkenntnis, die einst den schwatzhaften Intendanten Kaputte in Das Restpaar, einem frühen Stück der Autorin, ereilte: Und was ist Leben anderes als sehen, wie man leben könnte, wenn man leben würde.

Potentialis, Irrealis, doppelte Negation - ja, so kennt man und liebt man sie, Theresia Walsers wundersame Bühnenkreaturen. Sonderbare Gemixe sind sie aus Luft und Lust, Muff und Mimikry, flirrig und rätselhaft, Traum im Aug und Schaum vorm Mund. Leute von ungewissester Identität: Glückssucher und Versager, Rollenwechsler, die bald den Lebenssüchtigen, bald den Verlorenen heraushängen, flatternd zwischen Tief- und Flachsinn. Doch manchmal werden sie vom dialektischen Blitz getroffen. Und es sind ebendiese Sätze, die den Charme der Figuren ausmachen: Sätze, in denen, fast unhörbar, ein Zeitzünder tickt. Sätze, die, man weiß nicht wie, unversehens über ihren schäbigen Anlass, ihren popeligen Urheber hinauswachsen und zu irrlichtern beginnen.

Auch in den Wandernutten gibt es sie wieder - und man kann sich in ihrem Hintersinn prächtig verlaufen. Wo, bitte schön, soll das hinführen, wenn man mal anfängt, die Welt so zu verändern, wie sie gar nicht ist, fragt der Pornodarsteller Ronni die Verliebte, eine Person, der er per Zufall am Waldrand begegnet ist. Dabei hatte die Fremde lediglich um einen schlichten Ratschlag in privater Angelegenheit gebeten: Sollte sie den Ast auf dem Weg, den später, im Dunkeln, ihr Freund Charlie entlangkommen würde, wegräumen oder liegen lassen?

Aus Plattfüßlern werden Hochseilakrobaten

Ist Vorsicht klug? Nichtstun besser? Wäre die Astbeseitigung ein unzulässiger Eingriff in den Lauf der Welt? Darf man dem Schicksal derart hineinpfuschen?

Keine Frage kann so banal, so abstrus sein, dass in ihr nicht ein Abgrund sich auftäte.

Schon wahr: So manche Nöte, von denen diese Figuren umgetrieben werden, würde man im hellen Tageslicht, bei gesundem Zeitungsleserverstand, rasch als hirnrissig abtun, Ast hin, Ast her. Doch für Realpragmatiker sind diese Texte nicht geschrieben. Wer bereit ist, sich ins Dunkel und Dickicht der Sprache zu verlieren, ins Unterholz der Andeutungen und Subtexte, ins Wipfelwerk der Paradoxien und Doppelsinnigkeiten, der hört: Musik. Sprache ist für Theresia Walser immer viel mehr als soziales Abbild. Sprache ist unberechenbar, vielstimmig. Selbst einen Kümmerling wie Olaf kann sie in schwindelnde Höhen entführen. Aus Plattfüßlern macht sie Hochseilakrobaten.