Mit der arabischen Musik verhält es sich wie mit der arabischen Literatur: Aufgrund der historischen Bindung an Frankreich finden die großen Namen aus dem Maghreb leichter Gehör als ihre Kollegen aus dem Nahen Osten, der doch eigentlich als kultureller Nabel der arabischen Welt gilt.

Der Größte von allen ist sicherlich Khaled, der König des Rai, wie der algerische Pop genannt wird. Mit Hits wie Aicha brachte er den nordafrikanischen Regionalstil auf weltweiten Expansionskurs und avancierte damit zu einem der größten Dritte-Welt-Stars nach Bob Marley. Zuletzt aber schien es, als habe er sich in seinen Weltumarmungsplänen verzettelt: Sein gleichzeitiges Liebäugeln mit House, Schlager-Schmalz und ägyptischen Streichorchestern wirkte am Schluss nur noch beliebig.

Auf Ya-Rayi (AZ/Universal LC), seinem ersten Lebenszeichen nach vier Jahren, sieht man ihn nun vor einer altmodisch-floralen Mustertapete vom Cover lächeln: Monsieur Khaled und die Blumen von Oran. Der Retro-Look ist bewusst gewählt, denn das Album markiert eine Rückkehr zu den Ursprüngen: zu dem Sound aus den Cafés, Casinos und Cabarets der algerischen Hafenstadt, in der auch der junge Khaled Hadj-Brahim einst seine Karriere begann, bevor er Ende der achtziger Jahre nach Frankreich und von dort aus zu neuen Ufern aufbrach.

Die leichtfüßig hingetupfte Pianomelodie, mit der das Album beginnt, setzt den Ton für das nostalgische Flair, welches das gesamte Werk umweht. Sie stammt vom jüdischen Pianisten Maurice El-Medioni, der in den Kaffeehäusern von Oran bereits in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf seinem Klavier arabisch-andalusische Töne mit frisch importierten Rumba- und Boogie-Rhythmen der amerikanischen Befreier zu einer neuen Melange kombinierte.

Doch Ya-Rayi ist mehr als nur eine Reise in die Vergangenheit. Vielmehr versucht Khaled sich hier an der Formulierung einer Quintessenz seiner Karriere. Souverän wechselt er zwischen mediterranen Chansons, traditionellen, schwer orientalischen Grooves und jenem bläsergestützten Disco-Funk, mit dem er in den neunziger Jahren reüssierte und für den hier wieder einmal der Rolling-Stones-Produzent Don Was verantwortlich zeichnet.

Unterstützt wird er dabei nicht nur von einer hochkarätigen Garde aus Rai-Veteranen und Studio-Routiniers. Erstmals legt der Sänger auch selbst Hand an und greift auf einigen Stücken zum Akkordeon oder der Bauchtanztrommel Darbuka. Gäbe es einen Nobelpreis für Weltmusik, so wie er für die Weltliteratur existiert - Khaled hätte ihn verdient.