Plötzlich geht eine Welle durchs Publikum, sacht, aber deutlich. Zuerst drehen sich nur ein paar Köpfe nach rechts, dann immer mehr, auf den Mienen ein erkennendes Lächeln, hier und da auch amüsiert und distanziert, aber eindeutig neugierig. Ein ehemaliger Justizminister ist im ersten Rang erkannt worden, ein Freund Chiracs, dezent zeigt man sich, wo genau er sitzt. Und Jack Lang soll auch zugegen sein. Und ein Politiker aus Lyon, der seit dem Skandal mit seinem Schwiegersohn eigentlich nichts mehr zu sagen hat, der "nur noch Theater macht", wie man als zugereister Besucher en passant erfährt. Theater! Schwer zu sagen, auf welcher Seite des Orchestergrabens im Pariser Châtelet mehr Theater gespielt wird. Daumier und Maupassant würden ihr Paris mühelos wiedererkennen, sehr viel hat sich nicht geändert in den letzten 150 Jahren.

Man spürt da eine Kontinuität, die es in Deutschland nie gegeben hat, eine so unveränderliche wie undurchdringliche Essenz bürgerlichen Daseins, in der sich Glanz und Geist, Hierarchie und Ironie vermischen. Aus ihr schuf einst Jacques Offenbach die Kunst der Operette, die in dieser Stadt der Monumente alles vom Sockel holte, was sich dort spreizte, und die doch keinem wehtat. Anders als der Glanz des Opernkaisers Meyerbeer ist das Glitzern des Operettenkönigs Offenbach hier nie verblasst, selbst ein weniger bekanntes Stück wie Die Großherzogin von Gerolstein hat derzeit ein volles Haus. Es spielt in einem deutschen Fantasieländchen, meint das Frankreich Napoleons des Dritten und ist eine groteske Militärparodie, die 1867, im Jahr der Weltausstellung, ungeheuren Erfolg hatte. Ihrem Star Hortense Schneider lag man zu Füßen, so wie Paris jetzt ihrer Nachfolgerin huldigt: Felicity Lott gilt als Ereignis.

Die englische Sopranistin, Jahrgang 1947, einst als Pamina und Marschallin gefeiert, wurde für Offenbach schon vor zwei Jahren im Châtelet als Idealbesetzung einer herbstlich schattierten Femme fatale entdeckt – und auch da schon in historischer Aufführungspraxis begleitet von Les Musiciens du Louvre. Der Regisseur Laurent Pelly enthüllte in der Schönen Helena hinterm bürgerlichen Schlafzimmer ein griechisches Ausgrabungsgelände, ließ Stewardessen von Olympic Airways durch die Antike stöckeln und zeigte, dass die Doppelbödigkeit Offenbachs und seiner Librettisten den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts spielend gewachsen ist. Diese Qualität der leichten Muse haben im letzten Jahrzehnt Regisseure von Wernicke bis Marthaler entdeckt, auch das Tanztheater wurde inspiriert, und der Dichter Robert Gernhardt fügte Offenbachiana zu einer halbszenischen Musiquette Poétique.

Nur die Großherzogin von Gerolstein hat bislang keiner überzeugend in den Griff gekriegt. Wohl gar zu lustig ist hier das Soldatenleben rund um eine Dame zwischen Salonhoheit und Säbelweib, die Armeen und Amouren durcheinander bringt, die ihren Günstling Fritz vom Soldaten zum General befördert – und wieder fallen lässt, weil er ihren nymphomanen Avancen nicht nachgeben mag und seiner Wanda treu bleibt… Lustig? Zur munteren Ouvertüre zeigt Laurent Pelly ein Leichenfeld. Tote Soldaten in Feldgrau, Schützengräben – das sieht nach Erstem Weltkrieg aus, nach ungemütlichem Kontrast. Doch ist es nur ein Manöver. Die toten Krieger stehen auf, heitere Mädchen eilen herbei, und schon beginnt mit Tanz und Chorgesang das allerschönste Soldatenkabarett. Virtuos, grell, komisch.

Das Kriegsambiente wird zur Militäridylle eines zeitlosen 19. Jahrhunderts, wo alle Späßchen von damals zünden dürfen, als hätte es seit 1870 keine größeren Zwischenfälle mehr in Europa gegeben. Nun ist es ja nicht so, dass man als geschichtszerknirschter Deutscher immerfort nach pazifistischen Appellen verlangte, um guten Gewissens Uniformierte auf der Bühne zu verkraften – aber die Sorglosigkeit macht doch ratlos. Da rotieren die Beine der Soldaten und Mädels, da raunzt ein Bilderbuchgeneral, da wird getrippelt und gesprungen und gespaßt, dass ein Gelächter nach dem andern durchs Offizierskasino, Pardon: durchs Publikum geht. Die Leute kichern schon, wenn die Großherzogin nach einem Schnaps verlangt.

Ja, die Großherzogin. Vielleicht liegt es an ihr, dass diese so pointenreiche wie besinnungslose Inszenierung irgendwie durchkommt. Neben Felicity Lott bleiben alle anderen Mitwirkenden nur Umrisse. Hysterisch und durchtrieben, brutal und kokett genießt und missbraucht die Grande Duchesse ihre Macht. Wenn sie in Pelzmantel und Reitstiefeln vor dem riesigen Schlachtengemälde posiert, das ihr überallhin nachgetragen wird, wenn sie mit raffiniertesten Farbwechseln der Stimme aus einer Karikatur eine Persönlichkeit macht, ahnt man, was mit ihr möglich gewesen wäre. Einen weiblichen Dr. Seltsam könnte man aus dieser zarten und zähen Kommandeuse machen, in unheimliche Nähe könnte man uns diese Militärparodie rücken – so etwa, wie Ruth Berghaus in der Fledermaus den Prinzen Orlowsky mit ferngesteuerten Panzern spielen ließ.

Den federleichten Wahnsinn, den Lott anschärft und den Pelly verjuxt, hat der Dirigent Marc Minkowski auch in der Partitur gefunden. Funkelnd und rasselnd springt ein Märschlein nach dem andern aus dem Orchester, formieren sich mitreißende Chöre und unzählige Themen, die auf Anhieb einleuchten, die ihren Rhythmus mit solcher Natürlichkeit den Sätzen nachbilden wie im Foyer des Theaters der Programmheftverkäufer, der seine Ware in eleganten Triolen anpreist. Es ist, als würde die Musik, mit Worten gefüttert, sich selbst hervorbringen. Wie eine Maschine, die nicht mehr zu stoppen ist, darin dem Militär nicht unähnlich. Die Musiker sind mit Eifer bei der Sache, die Blasinstrumente tönen militärgemäß authentischer als die Streicher.

Während aber im Graben die wundersame Offenbach-Maschine pleuelt wie eine 1867er Weltausstellungsattraktion, führt auf der Bühne der Klamauk der Knallchargen in fast drei Stunden zu einem Leerlauf, der selbst die grandiose Felicity Lott zu angestrengter outrage nötigt – und den Besucher aus Deutschland zu einer weiteren Einsicht in französische Kontinuitäten. Der militärische Komplex, der hier als zeitloses Soldatenkabarett bejubelt wird, hat in Frankreich niemals so tief den zivilen Konsens brechen können wie in Deutschland. Kein Trauma, wenig Skepsis. Insofern verdankt sich die Schwäche der Produktion vielleicht der Stärke des bürgerlichen Selbstbewusstseins: Nur nichts so eng sehen! Anschließend gehen die gebildeten Stände gegenüber ins Bistro Sarah Bernhard und bestellen Rotwein. Mit Pommes.