Angefangen hat es in einem Kinderzimmer. Vor sechs Jahren war das, und eigentlich waren sie damals der Zeit unglaublich hinterher. Ganz so, als hätten sie in den alternativen siebziger Jahren gesagt: "Ich will Tag und Nacht für eine große Firma arbeiten." Oder in den selbstverliebten Neunzigern: "Ich möchte Gott nahe sein, ich gehe ins Kloster." Aber vielleicht sind sie ihrer Zeit auch einfach nur ein bisschen voraus, denn in den Neunzigern haben dann ja viele Tag und Nacht für eine Firma gearbeitet, und im Jahr 2000, als die Firmen alle pleite waren, kam plötzlich auch die Religion wieder, nur dass sie jetzt Esoterik heißt. Und irgendwann werden sich die jungen Leute auch wieder politisch engagieren.

Sie wohnen in Monheim am Rhein, zwischen Köln und Düsseldorf, sind alle um die 20 Jahre alt, tragen Jeans, Reißverschlusspullover, Baseballmütze, studieren Französisch, werden Kommissar oder machen gerade Abitur und wohnen noch bei ihren Eltern. Alles ganz normal, und doch verbindet sie etwas Ungewöhnliches. Sie haben in einer Zeit, in der den Parteien die Mitglieder weglaufen, eine Partei gegründet. Ihre eigene.

Peto heißt sie – "ich fordere" – und ist vor zwei Wochen bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfahlen mit 16,6 Prozent im Monheimer Stadtrat bestätigt worden. 1999, als sie das erste Mal angetreten sind, bekamen sie 6,1 Prozent und als Fraktionsbüro eine ehemalige Abstellkammer. Nun sind sie drittstärkste Partei, und gegen sie kann kaum noch regiert werden in der Stadt, um mal eine Formulierung aus der großen Politik zu verwenden. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss die Geschichte ganz von vorn erzählt werden.

Vor genau 20 Jahren reiste schon einmal eine ZEIT -Reporterin in diese Stadt. "Sprechblasen", "Frustration", "mit sich selbst beschäftigt", das war ihr Urteil über die Bundespolitiker, weshalb sie eben in die Provinz an den Rhein fuhr. 41000 Einwohner hatte Monheim damals und war die kinderreichste Stadt in Nordrhein-Westfalen. Heute hat Monheim 44000 Einwohner, 42 Prozent sind jünger als 35, immer noch eine junge Stadt. Doch die Jugend ist unruhig geworden, denn Frustration und Sprechblasen sind schon lange auch im Monheimer Rathaus angekommen. 35 Jahre absolute Mehrheit der SPD und danach fünf Jahre absolute Mehrheit der CDU. Wer die Macht hat, macht was er will, so war das immer schon. Aber jetzt ist die Macht weg.

Monheim im September , zwei Wochen vor der Kommunalwahl. In einem Gartenhaus hinter einer Einfamilienhausreihe am grünen Rand von Monheim sitzen Lisa, 20 Jahre, Studentin, Karsten, 18, Schüler, Florian, 22, Student, Gina, 15, Schülerin. Draußen ist es dunkel. Alle warten auf Daniel.

Was Peto in den vergangenen fünf Jahren verändert hat, war bereits auf dem Weg zum Gartenhaus zu sehen – an Monheims Laternenmasten. Die SPD-Bürgermeisterkandidatin Ingeborg Friebe wirbt mit "Kinder brauchen Spielraum, Jugend braucht Freiraum", der CDU-Bürgermeister plakatiert: "Schule sanieren, Jugend fördern". Sie haben Peto quasi die Geschäftsidee geklaut. Aber Petos Antrag, einen geeigneten Raum für ein Jugendcafé zu finden, wird immer noch geprüft, seit sie ihn eingereicht haben. Das war vor fünf Jahren.

Endlich ist Daniel da. Daniel Zimmermann, ein blonder junger Mann mit Lucky-Luke-Kinn, 22 Jahre alt. Er war Stufensprecher, ist so lange jeden Tag zum Schwimmtraining gegangen, bis das marode städtische Schwimmbad geschlossen wurde, und in der Schule sei er ein Ass gewesen, sagt ein Lehrer. Jetzt studiert er Französisch und ist Parteivorsitzender. Er sieht aus, wie der jugendliche Idealfall, eine Art all-American boy , der allerdings behauptet, noch kein einziges Mal bei McDonald’s gewesen zu sein. Sein Vater ist seit langem arbeitslos, die Mutter ernährt die Familie.

Daniel – den alle im Ort beim Vornamen nennen, auch die Politiker der anderen Parteien – wuchtet einen Karton auf den Gartenhaustisch, die Wahlprogramme, zu Hause am Computer geschrieben. Im Programm geht es um die Erhaltung diverser Jugendeinrichtungen, der Stadtbücherei und der Bürgerwiese, um mehr Ausbildungsplätze, einen autofreien Sonntag und die Finanzierung der Jugendwerkstatt zur Qualifizierung junger Arbeitsloser.