Mehrmals im Jahr fährt er ins Hotel Römerbad nach Badenweiler. "Nach Lust, Laune und Möglichkeit", sagt Deutschlands meistgespielter Komponist der Gegenwart. Zuerst am 26. September 1978. Damals war Wolfgang Rihm 26 Jahre alt. Bei den Römerbad Musiktagen standen seine Kompositionen zum ersten Mal auf dem Programm, abendfüllend. Inzwischen zählt das Werkverzeichnis über 200 Kompositionen.

Wenn man am frühen Morgen durch den Hotelpark des Römerbad hinunter zum Schwimmbad geht – keine Menschenseele ist unterwegs –, zieht Wolfgang Rihm schon seine Bahnen. Der gelichtete Lockenkranz, der seinen Schädel gewöhnlich sanft umkräuselt, ist im Wasser zur flachen, sich nach hinten verjüngenden Flosse geworden. Der Kopf taucht aus den blauen Poolfluten auf, grüßend hebt Rihm die Hand, schwimmt weiter. Er hat die Anstrengungen der Eitelkeit lächelnd im Griff.

Später sieht man ihn im Speisesaal à la Zauberberg beim Frühstück wieder. Vorbildlich geföhnt. Mit der Ruhe des ausgeglichenen Sanguinikers nimmt er an einem Ecktisch Platz, der den Blick aus den von groß geblümten Vorhängen gerahmten Verandafenstern in den Park erlaubt, bei gleichzeitiger Wahrung des internen Überblicks. Wer sich diesem Tisch nähert, muss von vorn kommen, kann den Gesprächsüberfall nicht von hinten einleiten. Und wer sich hier nach beendeter Mahlzeit erhebt, kann selbst bestimmen: rascher oder retardierender Abgang. Eine strategisch wertvolle Position.

Wolfgang Rihm legt die Zeitung auf dem Tisch ab, versorgt sich moderat am Frühstücksbuffet mit Obst, trinkt Wasser und heute eine heiße Schokolade. Die Tochter kommt dazu mit der Tochter des Hoteliers. Etwas später entschwindet Rihm mit einem freundlichen Wort für den Kellner, dem das Wohl dieses Gastes besonders am Herzen zu liegen scheint. Die beiden Mädchen schlagen den Weg zum Kindergartenhaus im Park ein. Rihm zieht sich auf einen Liegestuhl zurück. Im Schatten der Bäume liest er den neuen Roman von Martin Walser.

Das Hotel Römerbad, ein Haus im Stil der Bade- und Grandhotels der Jahrhundertwende, thront weiß und majestätisch am Rande von Badenweiler. Wie eine Königinmutter, leicht retuschiert in den sechziger Jahren. Eingerahmt von hohen Bäumen und hinterfangen von dem zugehörigen Park. Man nähert sich unter einem Baldachin und betritt das Foyer durch eine große Glastür mit geschwungenen Messinghandgriffen. Der Bau wirkt angenehm altertümlich wie manche seiner Gäste auch. Ein Luxushotel, das die Gäste nicht so nennen, weil sie es vermeiden, ihren Wohlstand zu demonstrieren. Am Empfang bekommt man statt Chipkarte einen Zimmerschlüssel mit rundem Messinganhänger. Das erinnert an die Zeit der Schallplatte. Im Zimmer steht ein Ficus. Wie früher. Und abends kann man die Schuhe vor die Tür stellen. Auch wie früher. Die Pflanze ist entbehrlich, stört aber nicht. Den Service schätzt man.

Im Römerbad ist eben alles etwas anders. Und das ist gut so. Denn Badenweiler selbst wurde auf den neuesten Stand gebracht. Da herrscht ebenso propere wie rentnerkompatible Gemütlichkeit, bis hin zu den nahtlos verfugten Gehwegsteinen. Kein Riss, nirgends. Alles klappt, die Kasse stimmt. Die Geschäfte können es sich leisten, von 12.30 Uhr bis 15.30 Uhr Mittagspause zu machen. Zeit genug für den Gast, an diesem heißen Tag auf einer Bank im Schlosspark eine der Geschichten jenes Gastes zu lesen, mit dem sich Badenweiler am liebsten schmückt: Anton Tschechow. Sein Klassiker Die Dame und das Hündchen beginnt mit einem Flirt an der Seepromenade von Jalta, kulminiert in jenen zart-stürmischen Verwirrungen, die in den Kur- und Badeorten des ausgehenden 19. Jahrhunderts so fabulös florierten. Für den entflammten Helden Dmitrij Dmitric Gurov endeten sie mit Schwindsucht und Tod. Der Autor folgte seinem literarischen Vorbild und starb 44-jährig in Badenweiler.

"Inspirierend ist ein Ambiente, wenn ich selber inspiriert bin"

Anders die Geschichte von Wolfgang Rihm, der schon Anfang 50 ist und kein moribunder Gast aus der Ferne, sondern der vitale Mann von nebenan. Einer, der das Leben, das Essen, den Wein und die Zigarren liebt. Dieser Ehrengast Badenweilers wurde 1952 in Karlsruhe geboren und lebt auch heute dort. Seit 1985 unterrichtet er Komposition an der Musikhochschule. Für seine Reisen nach Badenweiler nimmt er den Zug, zwei Stunden von Haus zu Haus. In Freiburg wartet Herr Kaiser – König der Taxifahrer im Kurbad und restlos vertraut mit der Geschichte des Hotels und seiner Gäste.