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Der schäbige Waschraum der Einheit 5599 im tschetschenischen Braguny war der letzte Ort, den der 20-jährige Wehrdienstleistende Ilja Kusnezow von der Welt sah. Am 30. Juli 2002 stellte sich ihm am Ausgang sein Soldatenkamerad Asis Musafarow in den Weg und schlug ihm mit voller Kraft auf die Brust, um ihm, wie es im späteren Untersuchungsbericht hieß, "seinen Willen aufzuzwingen". Dann trat er dem am Boden Liegenden in den Magen. Um 11.15 Uhr erlitt Ilja den Kasernentod in seinem "Dienst für das Vaterland". Wie die spätere Obduktion zeigte, starb er an inneren Verletzungen des Magens, des Herzens, des Darms, der Milz. Am Abend schärfte der Täter den anderen Soldaten ein, über die Schläge zu schweigen. Die erste offizielle Diagnose lautete auf Herzgefäßschwäche.

Der Kommandeur der Einheit ließ keine Zeugen befragen. Der Routinefall des Todes außerhalb von Kampfhandlungen sollte nicht noch Ärger bereiten. Wo das Holz gefällt wird, fliegen auch in Russland sprichwörtlich die Späne. Iljas Eltern erfuhren am 31. Juli in einem Telegramm vom Herztod des Sohnes. Doch einer der Soldaten wollte seinen Mund nicht halten. Ein Verfahren ließ sich nicht mehr umgehen. Der interne Untersuchungsbericht der Streitkräfte kritisierte das Fehlen von erzieherischen Maßnahmen, von Kontrolle und Disziplin in der Einheit.

Die russischen Streitkräfte sind nicht nur von "Diebstahl und Plünderei durchsetzt", wie selbst der Exgeneralstabschef Anatolij Kwaschnin beklagte. Ihre innere Führung versagt auf weitem Felde. Die Truppen verzeichneten im vergangenen Jahr offiziell 674 Tote außerhalb von Kriegshandlungen. Allerdings schätzt die nichtstaatliche Organisation der Soldatenmütter, die sich für die Menschenrechte der Rekruten einsetzt, die tatsächliche Zahl auf das Dreifache. Offiziell wurden 216 Soldaten ermordet – in der Bundeswehr mit einem Viertel der Mannstärke gab es einen einzigen Fall. Die Zahl der Selbstmorde stieg im ersten Halbjahr 2004 um 38 Prozent auf 109. Bei ihrer Mehrzahl besteht laut Aussage der Militärstaatsanwaltschaft der Verdacht auf eine vorhergehende Misshandlung durch Mitdienende oder auf einen vertuschten Mord.

Freunde stellen einen Plastikbecher mit Wodka vor den Grabstein

"Russland hat immer gegen irgendjemanden Krieg geführt", sagt die Juristin der Petersburger Soldatenmütter, Jelena Filonowa. "Patriotismus, so lernten wir von Kindheit an, ist die Bereitschaft zu sterben." Die Militarisierung der sowjetischen Welt begann bereits im Kindergarten, wo die Kleinen zum Tag der Sowjetarmee Kriegsgedichte aufsagten und mit Panzern spielten. "Der Soldat wächst heran", hieß es. Die wehrbereite Erziehung führte über Marschübungen vor der Schuldirektion bis zum Armeedienst als dem Höhepunkt der Gleichheitssozialisierung. Für viele wurde Gewalt zu einem normalen Begriff der menschlichen Beziehungen. Noch heute gilt der Wehrdienst in Russland als Lehranstalt der Männlichkeit.

Etwa ein Drittel aller Wehrpflichtigen, zumeist die Armen vom Lande, durchläuft die "Schule des Lebens". Der Rest ist wegen Studiums oder schlechter Gesundheit freigestellt oder hat sich bei korrupten Offizieren der Wehrämter losgekauft. Die russischen Streitkräfte sind wieder eine echte Bauern- und Arbeiterarmee mit bedenklichem "Einberufungsmaterial", wie die Neurekruten unter Militärbürokraten auch genannt werden. Unter den Einberufenen des vergangenen Herbstes besaß jeder Fünfte nicht mal die mittlere Bildung, jeder Zwanzigste bereits eine kriminelle Vergangenheit. Die Streitkräfte ziehen die Aggressivität der Gesellschaft ein und geben sie später wie aus einem Gewaltkraftwerk potenziert wieder ab. "Unsere Armee ist eine Schule des Überlebens", betonen die Soldatenmütter sarkastisch. Ilja Kusnezow hat die Prüfung nicht bestanden.

"Uns ist es künftig genommen, den Geburtstag unseres einzigen Sohnes zu feiern", sagt seine Mutter Jelena leise. "Stattdessen werden wir bis zum Lebensende seinen Todestag begehen." Am 30. Juli versammelt sich die Familie Kusnezow im Städtchen Wyksa südlich von Nischnij-Nowgorod. In Iljas Kinderzimmer brennt in der Ikonenecke vor einem Foto des uniformierten Rekruten eine Kerze. Die Hitze drängt durch die offenen Fenster nach innen, der Deckenventilator schnurrt rhythmisch zum Schluchzen der Frauen. "Meine Nachbarin hat wegen der vielen Drogentoten gesagt: ›Sei doch froh, dass dein Enkel wenigstens für die Heimat gestorben ist‹", erzählt Iljas Großmutter. Gewalt erblickt sie überall. "Erst vor kurzem ist ein Mann in Wyksa von Neuntklässlern zu Tode geprügelt worden, weil er einen von ihnen ›Ziegenbock‹ schimpfte", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Den toten Ilja charakterisierte der Armeebericht nachträglich als "ruhig, ausgeglichen und mit einem Gefühl für die eigene Würde". Er hatte seinen Wehrdienst unbedingt leisten wollen, denn in der Kleinstadt ist es unüblich, sich zu drücken. Für das Freikaufen, das in der Regionshauptstadt bis zu 5.000 Dollar kostet, hätte ihm sowieso das Geld gefehlt. Der Vater konnte nicht einmal die 1.500 Dollar bezahlen, die ein Major aus Iljas Einheit forderte, um ihn nicht nach Tschetschenien zu schicken. Auf dem Menschenbasar der russischen Streitkräfte einigten sie sich auf 300 Dollar für die Versetzung in den Sanitätsdienst. Gerettet hat es Ilja nicht.

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Mit schweren Schritten gehen Iljas Verwandte zum Kantinenrestaurant des Stadtteils, wo die Kellnerinnen Küchenschürzen tragen und das Aluminiumbesteck sich auf Löffel und Gabel beschränkt. Gemeinsam mit seinen Freunden erheben sie schweigend das Wodkaglas auf den Toten. Dann fahren sie auf den angesehenen Waldfriedhof. Zwischen Kiefern und Birken liegt Iljas Grabplatz im trockenen Sandboden. Der Großvater konnte ihn dank seiner Beziehungen zur Stadtverwaltung ergattern. Die Freunde stellen einen Plastikbecher mit Wodka vor den Grabstein. Dazu legen sie eine Scheibe Brot, etwas Reis mit Rosinen vom Kantinentisch, Bonbons und eine angezündete Zigarette. Ihr Rauch steigt in Kringeln auf. "Ilja nimmt einen Zug", sagt ein Freund. Der Großvater, der 40 Jahre der Kommunistischen Partei diente, versteht diese Welt nicht mehr. "Früher war ein solcher Tod ein schwerwiegendes Ereignis", sagt er, "heute ist es die Norm."

Zum Inbegriff des Soldatentums gehört es, Schmerz zu ertragen

Die Gewalt in der Armee hat durch die gesellschaftlichen Umbrüche während der neunziger Jahre eine neue Stufe der Grausamkeit erreicht. In der totalitären und vor der Öffentlichkeit weitgehend abgeschotteten Kasernenwelt herrschen die Dienstälteren über die jüngeren Rekruten. Die informelle Hierarchie wird allgemein "Großväterherrschaft" genannt, nur das Verteidigungsministerium besteht auf der Bezeichnung "vorschriftswidrige Beziehungen". Die zweijährige Dienstzeit teilt sich in vier Halbjahre: Während der ersten beiden ist der "Geist", "Schildkröte", "Elefant" oder "Schnürsenkel" genannte Rekrut zur Demütigung und Folter freigegeben. Wenn die Dienstälteren das zivile Wertesystem aus ihm herausgeprügelt haben, kommt er in den letzten beiden Halbjahren selbst in den Genuss des Peinigens. Er heißt dann "Fasan" oder "Großvater". Viele Offiziere finden die "Großväterherrschaft", die an die ungeschriebenen Hierarchien in Jugendheimen und Straflagern erinnert, angenehm. Sie können in Ruhe ihrem Zweitjob nachgehen, während die "Großväter" die Disziplinierung in den Kasernen garantieren. Das Gewaltsystem beruht zunehmend auch auf ethnischen Merkmalen: Vor allem muslimische Rekruten aus der Republik Dagestan terrorisieren oft die slawischen Dienstleistenden.

Die "Großväterherrschaft" trat bereits in den sechziger Jahren in der Sowjetarmee zutage, wie Berichte von Uniformdiebstahl durch Ältere und Hooliganismus belegen. "In der Stalinzeit war der Offizier noch wie der Soldat ein Leibeigener und lebte in der Kaserne", erzählt der Militärexperte Alexander Golz. "Aus Furcht vor Bestrafung kümmerte er sich persönlich um die Pyramide der Disziplin. Doch als die sowjetische Gesellschaft sich etwas liberalisierte, fühlten sich die Offiziere freier und gaben den Auftrag der Disziplinierung an die Soldaten des zweiten Dienstjahres weiter." Bis heute fehlt den russischen Streitkräften für diese Aufgabe eine eigenständige Unteroffiziersklasse wie in westlichen Truppen.

Die russische Armee hat sogar in ihrer Dienstsatzung festgeschrieben, dass der Wehrdienstleistende standhaft Belastungen und Entbehrungen zu dulden habe. Schmerz zu ertragen gehört danach zum Inbegriff des Soldatentums und dient der Abhärtung für den Kampf. Heimaturlaub ist eine Seltenheit, der Sold bei karger Verpflegung eher ein Bettlerlohn. Generalleutnant Wladimir Schamanow rühmte einst seine Stoiker in Uniform: "Sie finden keinen anspruchsloseren, selbstaufopferungswilligeren und anpassungsfähigeren Krieger als den russischen." Wie das Soldatensiechtum jenseits des mythischen Vorhangs in den Kasernen aussieht, versuchen die Militärs durch ihren Geheimhaltungskult zu verbergen.

Nur selten gibt sich ihre PR-Einheit zugänglich, dann präsentiert sie den Rekrutensammelpunkt Schelesnodoroschnoje bei Moskau. "Es ist eine heilige Sache, der Heimat zu dienen", steht auf Plakaten, auf denen markige Soldatengesichter penetrant nach oben blicken. Das Vorzeigeobjekt riecht dank der "Renovierung in europäischem Standard" mehr nach Farbe als nach Schweiß. Im wehrhaften Kirchlein auf dem Kasernenhof haben die orthodoxen Priester, die sich im Kult der leidvollen Aufopferung der Armee verbunden fühlen, sogar einen ruhmreichen Flottenkommandanten gleich zur Ikone gemalt.

Ein Oberst führt durch das Hauptgebäude vorbei an Rekruten, die mit Vier-Sterne-Höflichkeit behandelt werden. Unter seinem Arm trägt er eine rote Mappe mit der Aufschrift "Plan zum Besuch des Sammelpunktes". Die Abwicklung der Werbetour ist Routinesache. Im Computerraum, der wie die Verkaufsausstellung eines Hi-Fi-Marktes nach frischen Plastikgehäusen riecht, testen künftige Rekruten ihre Psyche. "Ich spüre fast täglich eine Trockenheit in der Kehle", bietet das Programm als Fangantwort an. Oder: "Ich fühle häufig eine Ermüdung vom Leben und möchte nicht mehr weiterleben." Zur Aufheiterung des Armeeidylls treten im Theatersaal manchmal Afghanistan-Veteranen und das Tanz- und Gesangsensemble der Grenztruppen auf. "Wir machen aus demjenigen, der die Heimat verteidigt, einfach einen guten Menschen", lobt der Oberst seine Ausbilder.

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Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Nikolaj, der als Leutnant in der Einheit Gorelowo bei Petersburg seine letzten Diensttage zählt, hat formal einen Personalbestand von 60 Soldaten unter sich. In Reih und Glied stehen meist 30 bis 35 vor ihm, wenn überhaupt. Die anderen hat er kaum gesehen. Viele von ihnen sind Offiziersfrauen, die sich auf die Personalliste setzen ließen, um Sold zu kassieren.

Wer als Idealist in die Armee gekommen ist, leidet am meisten

Die Offiziere sind selten anwesend. "Der Staat gibt vor, uns zu bezahlen, und wir geben vor, ihm zu dienen", lautet der Schnack der Einheit dazu. Sogar Offiziere, die in Moskau die Militärakademie besuchen, fahren nachts Taxi und schlafen tagsüber in den Vorlesungen. "Da gibt es eine klassische Haltung", erzählt Nikolaj aus eigener Erfahrung: "Den Stift mit einem Kaugummi auf dem Tisch befestigen, die Hand darumlegen und den Kopf schräg auf das zusammengefaltete Schiffchen auf die Schulter betten – und schlafen."

Der Dienst ähnelt einer absurden Komödie, wenn Inspekteure die Einheit besichtigen und die Aufstellung von Propagandawänden fordern. "Da haben wir die Wände zusammengenagelt und angestrichen", erzählt Nikolaj. "Und bei der nächsten Inspektion befahlen sie uns, sie wieder abzubauen." Das ziellose Soldatenleben bekämpfen manche mit Alkohol. Ein Wehrdienstleistender aus Nikolajs Personalbestand hat angetrunken vor vier Monaten einem Rekrutenkollegen mit dem Militärstiefel eine Schramme unter das linke Augen getreten. Ein anderer brachte im vergangenen Winter für drei Euro Beute im Suff seinen Nachbarn um. "Vielleicht zehn Prozent bei uns sind als Idealisten in die Armee gekommen", sagt Nikolaj. "Die leiden am meisten." In seiner Einheit kam es allein im ersten Halbjahr zu fünf Verbrechen: eine Schlägerei, zwei Desertionen, ein Diebstahl und eine Befehlsverweigerung. Zuweilen fährt Nikolaj wie ein Detektiv durch das Leningrader Gebiet, um die Ausreißer aufzuspüren.

Allein in den Monaten März und April haben knapp 500 Rekruten ihre Einheiten in Russland widerrechtlich verlassen. Manche nehmen ihre Waffen mit und richten bei ihrer Flucht ein Blutbad an: Am 1. September erschoss ein Deserteur im Fernen Osten drei Polizisten, als sie ihn festnehmen wollten. Viele retten sich zu den Soldatenmüttern. Ihrer Organisation ist es vor allem zu verdanken, dass die innere Zerrüttung der Streitkräfte schon unter dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow zu einem öffentlichen Thema wurde. Der Versuch vieler Militärs, den Protest als weibliche Hysterie zu verunglimpfen, misslang. Fast jeder zweite Russe kennt die Soldatenmütter. Zwei Drittel beurteilen ihr Engagement positiv.

In Petersburg ist den Soldatenmüttern das Türschild schon seit langem abhanden gekommen. Der frühere Stabsfeldwebel, der über ihnen wohnt, hat es zur persönlichen Rache abgeschraubt. Manchmal, wenn er zu viel getrunken hat, versucht er auch, vermeintliche Deserteure im Hauseingang in Handschellen zu legen – bis die wehrhaften Mütter dazwischengehen.

Drinnen wirkt das Nebeneinander von Agitationsplakaten, abgeschabten Kunstledersesseln, plüschigen Hauskatzen und erschlafften Luftballons wie eine ortsfeste Kirchenfreizeit. Die Wand schmücken Urkunden und eine hässliche rote Solidarność-Uhr, ein Geschenk von Lech Wałęsa. Den Aachener Friedenspreis erhielten die Soldatenmütter Anfang September. "Das tut moralisch gut", sagt die Vorsitzende Ella Poljakowa. Denn die Zukunft ihrer Organisation, auf deren Emblem eine Kerze in einen Tunnel hineinleuchtet, ist eher düster. Nachdem sich im Januar 2003 gleich 24 Rekruten einer Einheit der Eisenbahntruppen zu den Soldatenmüttern flüchteten, stellte Verteidigungsminister Sergej Iwanow laut die bedrohliche Frage, wer sie eigentlich finanziere. Für untergeordnete Beamte mag das wie der Ruf "Fass!" klingen. Eine erste Prüfung durch die Justizbehörden hat Poljakowa noch mit Verwarnungen und Drohungen überstanden.

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Mit der leisen, aber eindringlichen Stimme einer geduldigen Missionarin belehrt sie Deserteure, die sie "Läufer" nennt, mit welchen Eingaben sie ein Strafverfahren vermeiden können. "Unsere Menschen sind gewohnt, in Sklaverei zu leben", sagt sie. "Wir möchten sie dazu bringen, die Reserven ihrer Würde für sich zu mobilisieren."

Bisher sammeln die Soldatenmütter wie in Nischnij Nowgorod zwischen roten Aktendeckeln vor allem Dokumente der Entwürdigung, des Leids und der Angst. Briefe, mal in ungelenker Handschrift mit Rechtschreibfehlern, mal in Schönschrift, die von den Folterpraktiken der "Großväterherrschaft" berichten: Schläge mit Stiefeln auf die Brust, mit Gürtel und Gürtelschnalle auf die Schienbeine, mit Stöcken auf die Nieren und dem Hocker auf den Kopf. Die vorsichtigen Folterer wickeln sich nasse Handtücher um die Fäuste, damit es keine Blutergüsse gibt. Rekruten müssen mit bloßen Händen die Toiletten putzen, Zigaretten essen und Chlorkalklösung trinken.

Sie werden gezwungen, sich über das untere Doppelbett zu hängen, bis die Kräfte nachlassen. Sobald sie fallen, werden sie verprügelt. Die Übung heißt "das Krokodil trocknen". Um die Nerven besonders zu kitzeln, stellen die Peiniger manchmal einen Dolch ins untere Bettzeug. Sollte der Rekrut hineinfallen, findet sich später der Vermerk "unvorsichtiger Umgang mit Waffen" im Untersuchungsbericht. Als das Opfer nach einer Prügelorgie in einer Einheit im Leningrader Oblast nur noch röchelt und blutigen Schaum spuckt, stechen ihm die "Großväter" Nadeln in die Brust und halten Feuerzeuge an die Fersen, damit es wieder zu sich kommt. Als alles nichts hilft, lassen sie den Rekruten liegen. Am Morgen ist er tot.

Stolz kehren die Veteranen zurück und werden zu Hause nur verachtet

Ungezählte Briefe finden sich von Eltern, die seit Monaten nichts mehr von ihrem Sohn gehört haben und denen die Einheiten eine Auskunft verweigern. Von Rekruten, die von den "Großvätern" ständig um Geld erpresst werden, ein paar Euros jeweils. "Geld gebären" heißt das im Jargon, am besten per Brief von den Eltern. Denn in einer Armee, in der mitunter das Essen für die Rekruten nicht reicht, neigen die Stärksten zur Verpflegung in Selbstorganisation.

Dazwischen klemmt der Brief eines verzweifelten Soldaten, der beim Abschuss seines Hubschraubers in Tschetschenien Verbrennungen an Kopf und Körper erlitten hat. Seine Einheit weigert sich, ihm die Teilnahme an Kampfhandlungen für eine Zusatzprämie zu bescheinigen. In einem Brief an Präsident Wladimir Putin schreibt er: "Erklären Sie mir, wozu ich überlebt habe, wenn ich von meiner Pension von 22 Euro nach meiner Heirat auch meine Frau und Mutter mitversorgen muss. Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit solchem Kleinkram belästige, aber für mich ist dieser Kleinkram mein Leben."

Die Soldatenmütter haben es bei allem Ansehen schwer. Denn nach wie vor nimmt die Mehrheit der Bevölkerung die Armee als Kernelement des russischen Staates wahr und hält sie für wichtiger als individuelle Rechte. Der Soziologe Boris Dubin vom Analytischen Institut Jurij Lewada hat ermittelt, dass jeder fünfte Russe die Stärkung des kriegerischen Geistes in der Armee befürwortet. Diese Meinung teilen sogar viele Jugendliche. 85 Prozent sprechen sich für die Wiedereinführung der Wehrerziehung in der Schule aus. Das Offizierskorps gilt weiterhin in der Erinnerung an die sowjetischen Zeiten als gesellschaftliche Avantgarde.

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Doch die vermeintliche Vorhut ist vor allem in der russischen Militärtradition der Soldatenmissachtung gefangen. "Seit drei Jahrhunderten basiert unsere Armee auf dem Einsatz von Menschenmassen", sagt der Militärexperte und Publizist Alexander Golz. "Die Untertanen waren für den Staat in erster Linie als künftige Soldaten interessant. Dabei lag die Welt der Offiziere unendlich weit von der soldatischen, von den Leibeigenen und Bauern in Uniform, entfernt. Aus sowjetischer Zeit kenne ich noch den Spruch: Soldaten sind der Mist, auf dem die Karriere der Offiziere gedeiht." Das Sprungbrett der vergangenen zehn Jahre, die Tschetschenien-Kriege, hat mehr als 100.000 Soldaten das Leben oder die Gesundheit gekostet. Die Zahl der Uniformierten, die den seit 1999 andauernden zweiten Krieg durchliefen, schätzt Golz auf bis zu eine Million. Sie sind in ihre Heimat zurückgekehrt und haben Gewalt und Verbitterung mitgebracht.

Der Lenin-Palast in Nischnij Nowgorod sieht reif aus für die Abrissbirne. Von den Wänden des Stalinschen Kolosses, der früher wie eine Burg die sozialistische Kultur in sich aufnahm, fällt der Putz gleich in Brocken herab. Quer zugenagelte Türen versperren Aufgänge über morsche Treppen, und in staubblinden Scheiben fehlen Glaszacken. Hier verschanzen sich Veteranen des Tschetschenien-Krieges in einem modrigen Mietzimmer hinter bunkerdicken Wänden, spielen Backgammon, trinken Pulverkaffee und rauchen in steifen, fahrigen Bewegungen ihre Zigaretten. Es ist ihr Bollwerk gegen die russische Gesellschaft. "Da draußen", sagt Andrej und schaut durch das Fenster wie durch eine Schießscharte, "versteht uns keiner."

Allein im Gebiet von Nischnij Nowgorod leben zwischen 20.000 und 25.000 Tschetschenien-Kämpfer. Etwa 800 haben sich in diesem Verein zusammengefunden, in der Solidarität der Verlierer. "Wir kommen aus dem Krieg zurück und stellen fest, dass die anderen in der Zwischenzeit Karriere gemacht und eine Familie gegründet haben", erzählt einer von ihnen. "Dort haben wir gekämpft, und hier wurden wir bestohlen." Viele Veteranen kehren im Hochgefühl des Heldentums zurück – ins Nichts. Sie haben keine Ausbildung und werden häufig nicht mal von Sicherheitsfirmen als Wächter angestellt, wie es früher den meisten Afghanistan-Kämpfern möglich war. "Wir können nur Töten und In-die-Luft-jagen", sagt Andrej. "Kaum hört ein Arbeitgeber das Wort Tschetschenien, denkt er, ich müsse einen Knacks im Hirn davongetragen haben." Viele Veteranen werden von ihren Vorgesetzten um Tagesgelder für Kampfeinsätze, die ihnen zuständen, betrogen. Die Regeln des friedlichen Lebens verstehen sie nicht. Die Gesellschaft wiederum missachtet sie als ihr lebendes schlechtes Gewissen eines verdrängten Krieges.

Viele Veteranen empfinden die Reform der Sozialgesetzgebung zum nächsten Jahr als eine weitere Demütigung durch den Staat. Sie verlieren Anrechte auf eine Wohnung, kostenlose Medizin und freie Fahrt im Bus oder der Metro. Dabei stand schon jetzt einiges davon nur auf dem Papier. "Einer von uns kam ohne Beine zurück", erzählt Andrej. "Der lebte wie im Rinnstein, in einem Wohnheimzimmer, und trank sich zu Tode." Wer immerzu erlebt, dass seine Gesundheit nichts wert ist, der hat auch kaum mehr Respekt vor dem eigenen Leben. "Sieben Jahre lang stand er auf der Anwärterliste für eine Wohnung", fährt Andrej fort. "Wir haben ihn selbst ins Grab gelegt. Die Grube mussten wir ihm besorgen." Seine Staatswohnung hat er nie gesehen.

Einige rutschen in die Kriminalität ab. Sie neigen zu Affekthandlungen. "Manchmal würde ich am liebsten ein Maschinengewehr nehmen und den ganzen Markt mit den kaukasischen Händlern ummähen", gibt der frühere Scharfschütze Nikolaj zu. "Gegen die haben wir gekämpft, und sie verdienen sich hier dumm und dämlich." Einer der Veteranen hat vor kurzem seine Frau umgebracht, einfach so, während die Verwandten im Nebenzimmer schliefen. "Uns haben sie damals die Bremsen gelöst, und jetzt baut uns keiner neue ein", sagt Nikolaj. In einer Holzschachtel mit eingeschnitzter Blumenverzierung sammelt er Geld für alle, die einsitzen. Briefe schreiben sie den Jungs in die Straflager als "Faden zum Überleben".

Die Mordrate in Russland liegt um ein Vielfaches höher als in westeuropäischen Ländern. Das Bundeskriminalamt zählte in Deutschland im vergangenen Jahr 2.541 Fälle von Mord und Totschlag. In Russland mit der doppelten Bevölkerungszahl waren es 31.630. Die Zahl der Auftragsmorde steigt wieder. Die "feuchte Sache", wie es im kriminellen Jargon heißt, gehört weiterhin zum Geschäftsgebaren mancher "Bisnessmeny". Ein Moskauer Kriminalexperte schätzt, dass jährlich mindestens 500 bis 700 Menschen wegen kommerzieller oder krimineller Auseinandersetzungen umgebracht werden. Der Auftragsmord liegt zuweilen näher als ein Gerichtsstreit, der vielen wie eine sinnlose Auktion mit dem Zuschlag für den Zahlungskräftigeren erscheint. Potenzielle Mörder finden sich unter Exkämpfern von Spezialeinheiten, denen das schnelle Töten einziger Lebensinhalt war. Der Preis reicht von ein paar hundert bis zu ein paar hunderttausend Dollar.

In vielen Familien gedeiht die Gewalt über Generationen hinweg

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Eine psychologische Behandlung zum Enttraumatisieren nach dem Tschetschenien-Einsatz erhält fast keiner der Rückkehrer. In der Region von Nischnij Nowgorod, erzählt ein Psychologe, komme ein Militärpsychiater auf 18.000 Soldaten. Zudem gilt es in Russland als ungewöhnlich und schändlich, sich in Behandlung zu begeben. Die wenigen Integrationsprogramme, die heimkehrende Militärs über ihre Rechte informieren und psychologische Hilfe anbieten, werden eher von ausländischen Stiftungen finanziert. "40 Prozent der Kriegsteilnehmer tragen nach unserer Erfahrung posttraumatische Störungen davon: Gereiztheit, starke Ermüdung, Depression", resümiert die Psychologin Schanetta Agejewa. "Wer länger als sechs Monate in Tschetschenien war, hat eine ganz schlechte Prognose." Eigentlich müsste sogar die Familie mitbehandelt werden. "Da wartet die Ehefrau sehnsüchtig unter großer Nervenlast auf ihren Mann", erzählt Agejewa. "Doch der ist ein ganz anderer geworden. Aus der Enttäuschung und Entfremdung entstehen tiefe Konflikte und Aggressionen."

So breitet sich die Gewalt von der Armee in die Gesellschaft aus. Die Schläge und das physische Herrschaftssystem werden dank der "Schule der Nation" zum allgemeinen Modell, zu dem viele Rückkehrer auch im zivilen Leben neigen. 14.000 Frauen sterben nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen in Russland jährlich bei häuslichen Gewalttaten. Jeden Tag erleiden 36.000 Frauen Schläge von ihren Ehemännern oder Partnern. Fast jede fünfte Frau wird regelmäßig misshandelt oder sexuell genötigt. Auslöser ist oft der lebenserleichternde Alkohol. Wenn kein Wodka zur Hand ist, werden auch Eau de Cologne, Bremsflüssigkeit oder Wanzenvernichtungsmittel getrunken.

Viele Polizisten halten den "Schmorpfannenstreit", wie sie häusliche Gewalt oft verspotten, für eine Privatsache, zumal sie sich ungern die Revierstatistik verderben lassen. Sie unterstellen, dass die Anschuldigungen der Frauen konstruiert sind oder schieben den Opfern die Schuld zu. "Er hat dich verprügelt, nun vertragt euch wieder", heißt es oft in einem Land, das sogar im Sprichwort die männlichen Schläge für Liebesbeweise hält. Schon der Domostroj, das Lehrbuch für die wahre Hausordnung aus dem 17. Jahrhundert, schrieb vor, dass die Männer in der Familie schlagen und die Kinder ihre Eltern fürchten müssen.

Die meisten der Frauen sind von ihren Männern finanziell abhängig. Zudem hält sie der soziale Druck lange Zeit in der Familie, denn wenn sie als Verheiratete mit Kindern ihren Status verlieren, haben sie nach landläufiger Meinung als Mutter und Frau versagt. Viele ziehen es vor, still zu leiden, und halten Opferbereitschaft für die Erfüllung ihrer Frauenrolle. Wenn sie sich letztlich von ihrem Mann trennen, beginnt oft erst das Martyrium. Hilfe finden sie am ehesten bei wenigen nichtstaatlichen Frauenorganisationen. Die Rechtsprechung ist unausgereift, die Wohnungssuche fast aussichtslos. In der Zwölf-Millionen-Stadt Moskau gibt es kein einziges Frauenhaus – insgesamt sind es in Russland etwa zwölf.

Gewalt in der Familie ist noch immer ein Tabuthema. Ehefrauen sprechen kaum darüber. Walentina Lotz schreitet als Jungunternehmerin so selbstständig durchs Leben, dass die 23-Jährige den Mut fand, sich von ihrem Freund zu trennen und davon zu erzählen. Er hat als Polizist für Spezialeinsätze in Tschetschenien gekämpft, ohne ihr jemals Genaues davon zu erzählen. "Ich bin durch diesen Dreck gegangen", sagte er einmal, "und will dich davor schützen." Nachdem er zurückgekehrt war, schien es ihm, als wollte ihm keiner mehr die Hand geben. Von den versprochenen Rehabilitierungskursen war keine Rede mehr. Einmal schrieb er Walentina in ihr Tagebuch: "Ich bin nicht schuld, dass ich in diesen Krieg gezogen bin und für diesen Staat getötet habe. Warum putzt ihr eure Füße an uns ab?"

Immer häufiger verdächtigte er Walentina ohne Grund der Untreue. "Dahinter steckte eine immense Angst vor dem möglichen Verlust", erzählt Walentina. "Er hat wie viele Kriegsheimkehrer ein tiefes Misstrauen und diesen Scannerblick, mit dem er jeden sofort einzuschätzen versucht. Er kennt nur Freund oder Feind. Es gab Grenzsituationen, in denen er explodierte und sich später oft nicht mehr erinnern konnte." Eines Nachts macht er ihr eine Szene. Sie bekommt Angst, zumal er seine Dienstwaffe zu Hause hat. Als sie die Wohnung verlassen will, versucht er, ihr Handschellen anzulegen. Sie fällt hin und schlägt mit dem Kopf gegen die Wand. Da lässt er von ihr ab. Sie durchwacht furchtsam die Nacht und läuft am nächsten Morgen davon. "Wenn ein Mann einmal seine Hand gegen mich erhebt, gehe ich", sagt Walentina. Als ihr Freund mit dem vermeintlichen Nebenbuhler, dem Direktor ihrer damaligen Firma, abrechnen will, nehmen ihm seine Dienstkollegen rechtzeitig die Pistole weg. Später verpflichtet er sich erneut für Tschetschenien – als Lösung der Heimatprobleme.

In vielen Familien gedeiht die Gewalt über Generationen hinweg. Nach Erkenntnissen des Moskauer Zentrums für Toleranz neigen 90 Prozent der Kinder aus gewalttätigen Familien selbst zur Brutalität. Verprügeln, Essensentzug und Hausverbot gehören zum Strafrepertoire fast jeder zweiten Familie. Die Zahl der Eltern, denen das Sorgerecht für ihre Kinder abgesprochen wurde, hat sich seit 1996 vervierfacht. "Wir fangen erst an zu verstehen, dass ein Kind nicht mit Schreien und Schlagen zu erziehen ist", sagt die Psychologin Olga Nedosekina von Ärzte ohne Grenzen. Zwei Millionen Kinder werden in Russland jährlich Opfer verschiedener Formen häuslicher Gewalt. 2.000 sterben, 50.000 laufen davon.

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Verhaftete werden bis zur Ohnmacht gewürgt oder scheinexekutiert

Die belgische Sektion der Ärzte ohne Grenzen versucht seit einem Jahr, Moskauer Straßenkindern zu helfen. Ihre Psychologenteams, je ein Mann und eine Frau, besuchen als mobiles Ersatzelternpaar regelmäßig die Bahnhöfe, Unterführungen in der Nähe des Roten Platzes und die Umgebung von McDonald’s-Filialen, wo die Kinder betteln oder Jobs suchen. Mehr als 500 zumeist 14- bis 17-Jährigen haben sie bisher mit Tipps zu Essensausgaben, Kleiderkammern und der Rückkehr nach Hause zu helfen versucht. "Wir sind ein Vorposten der Gesellschaft", sagt Nedosekina, "und hören ihnen vor allem zu, weil es sonst keiner tut."

Nach manchen Schätzungen leben gegenwärtig mehr Kinder auf der Straße als nach dem Bürgerkrieg in den zwanziger Jahren. In Moskau sind es vermutlich mehrere Zehntausend. Die meisten Ausreißer kommen aus den Regionen. Manche von ihnen haben nur ein, zwei Klassen in der Dorfschule besucht. Sie laufen weg vor den Schlägen der Eltern, vor dem Hunger, wenn sich im heimischen Kühlschrank nur noch Wodka findet, und vor dem Vater, der sie zwingen will mitzutrinken. "Die Eltern haben oft eine geringe Bildung und fühlen sich seit dem Ende der Sowjetunion ins Nichts geworfen", resümiert Nedosekina.

Wie ihre Eltern, die sich langsam zu Tode trinken, neigen auch die Kinder zur Aggression gegen sich selbst. "Viele haben die Arme voller vernarbter Wunden, die sie sich in die Haut schneiden", erzählt Nedosekina. "Der Staat, der bei uns eine so große und schreckliche Maschine ist, hilft ihnen nicht. Er sieht das Kind noch immer als Objekt an, das ihm gehört, und nicht als Persönlichkeit." Einen Großteil seiner sozialen Verantwortung lädt der Staat bei der Polizei ab. Sie soll die Straßenkinder fangen, um sie in Heime oder zurück in ihre Trinkerfamilien zu bringen.

Doch die Polizei ist selbst zur Brutstätte der Gewalt geworden. Viele Offiziere der Streitkräfte beenden ihre Uniformkarriere als Polizist. In der Region von Nischnij Nowgorod haben etwa 70 Prozent der Polizisten früher in Tschetschenien gedient. Manche Heimkehrer neigen zur Gewalt als Problemlösung oder Verhörmethode. Gegenüber dem Analytischen Zentrum Jurij Lewada gab jeder vierte Russe an, physische Gewalt durch Polizisten erlitten zu haben. "Bei einer Umfrage unter 620 Rettungsärzten und Krankenhausmitarbeitern in der Notaufnahme haben 50 Prozent der Befragten gesagt, dass die Misshandlung von Personen in Polizeigewahrsam weit verbreitet oder gar übliche Praxis sei", resümiert der Soziologe Dubin. Die polizeiliche Gewalt trifft am häufigsten Betrunkene, die zudem oft ohne Geld im Portemonnaie wieder zu sich kommen. Polizisten schlagen am ehesten bei der Festnahme zu, aber auch, um Geständnisse zu erzwingen.

Menschenrechtler haben im Lauf der letzten Jahre klassische Verhörmethoden russischer Polizisten dokumentiert. Dem Beschuldigten wird im Schneidersitz der Kopf zu den Füßen heruntergedrückt. Dann stellt einer der Beamten einen Stuhl auf seinen Rücken und setzt sich für eine bis zwei Stunden drauf. Andere Verhaftete werden bis zur Ohnmacht gewürgt oder scheinexekutiert. Beliebt ist die Drohung, wie bei den "Tschechi", den Tschetschenen, zu foltern. Polizisten setzen dem Opfer eine Gasmaske auf und drehen die Luftzufuhr ab oder klemmen für Elektroschocks Elektroden an die Ohrläppchen. "Anruf für Putin" nennen sie das.

In den vergangenen Monaten haben sich Moskauer U-Bahn-Polizisten in besonders spektakulären Fällen durch Brutalität ausgezeichnet. Anfang August schoss ein Beamter einem tadschikischen Schwarzfahrer ohne Vorwarnung in den Mund. Zwei Monate zuvor hatte ein Polizist einen 27 Jahre alten Betrunkenen zu Tode geprügelt. Ende Juli schlugen drei Polizisten auf einen tatarischen Gastarbeiter ein, da er keine ausreichenden Personalpapiere bei sich hatte. Ein Arzt stellte später innere Blutungen und schwere Blutergüsse fest. Das Opfer starb noch am selben Tag. In Moskau hat jeder fünfte Polizist in Tschetschenien gedient.

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Die russische Gesellschaft hat sich an die Gewalt des Terrors, der Polizeiübergriffe und des schleichenden Krieges in Tschetschenien gewöhnt. Der Soziologe Dubin nennt es die besondere Schizophrenie der Menschen, dass viele aus Furcht vor der Gewalt diese im Einsatz zugunsten der Ordnung besonders begrüßen. "Zwischen 15 und 25 Prozent der Befragten sagen, dass die Polizei bei einem des Autodiebstahls oder des Drogenhandels Verdächtigen Gewalt bis hin zum Schlagen oder zu Elektroschocks anwenden darf", stellt Dubin fest. "Typisch ist, dass sich der Einzelne bei solchen Überlegungen nicht einschließt", erklärt er. "Als Folge des sowjetischen totalitären Systems nehmen die meisten eine Position der Distanz und Passivität ein. Es gibt so gut wie kein gesellschaftliches Engagement." Dem Gefühl der Schutzlosigkeit steht die Erkenntnis gegenüber, dass man sich nur an die Polizei um Hilfe wenden kann. Das zerrüttet weiter das Selbstwertgefühl.

Als Gegenreaktion schreitet die Militarisierung der Gesellschaft voran. Ein Gesetzentwurf für die obligatorische Wehrerziehung in der Schule, die nach den Worten Putins "nicht schadet", liegt bereits im Parlament. Einer der Abgeordneten begrüßte ihn mit den Worten: "Die Jungen sollen lernen, mit der Waffe umzugehen, und sich an die Geräusche des Gefechtslärms gewöhnen." Bei der Begeisterung für das juvenile Zerlegen einer Kalaschnikow stört kaum der Tod eines Studenten, der bei einer militärpatriotischen Übung in Rjasan umkippte. Oder der Tod eines 16-Jährigen, der beim Geländelauf im freiwilligen Wehrlager im sibirischen Chanti Mansisk in seiner Gasmaske erstickte. Die verantwortlichen Offiziere erlaubten zu lang nicht das Abnehmen der Maske, medizinische Hilfe fehlte. Der Chef der örtlichen Erziehungsbehörde will dennoch nicht auf die mehrtägigen Wehrlager verzichten. "Das ist unsere Visitenkarte", sagte er. Der Gouverneur von Chanti Mansisk ist Wochen nach dem Tod des Jungen dafür ausgezeichnet worden, dass seine Region bei der Militärerziehung führend sei.

Nach einem mehr als zehnjährigen Ringen haben verschiedene nichtstaatliche Organisationen dem russischen Staat immerhin erstmals ein Zivildienstgesetz abtrotzen können. Doch der Lobby des Verteidigungsministeriums ist es im Abnützungskrieg an der Parlamentsfront gelungen, die Alternative zur Bestrafung zu machen: Eine Gewissensprüfung und bis zu 42 statt 24 Monate Dienstzeit erwartet die Verweigerer. Zum Frühjahr gingen gerade 1500 Anträge ein.

Die Reform der Streitkräfte – beendet, bevor sie begonnen wurde

Die Militärs im Verteidigungsministerium fürchten jede Reform, vor allem den Übergang zu einer Berufsarmee. Viele stellen sich noch immer jeden militärischen Konflikt als eine riesige Panzerschlacht in der Ebene vor und setzen unverdrossen auf die Massenarmee, der nach einer verbreiteten Anekdote auch Stalins Marschall Georgij Schukow das Wort redete: "Was bedauert ihr die Soldaten? Sogar unsere Großmütter gebären doch noch." Dem Journalisten Golz haben Offiziere im Tschetschenien-Krieg zugestanden, dass es mit den 18jährigen Burschen leichter sei. "Die verstehen noch gar nicht, was der Tod ist, und führen aus Angst vor dem Kommandierenden jeden beliebigen Befehl aus", sagt Golz.

Andere nutzen die Armee als Selbstbedienungsladen. Der Rechnungshof stellt Jahr für Jahr Betrugsdelikte in Millionenhöhe fest, und viele der Finanzströme sind besser camoufliert als die Stellungen im Manöver. Allein der Korruptionsmarkt des Freikaufs vom Wehrdienst wird pro Jahr auf 600 bis 800 Millionen Dollar geschätzt. Offiziere schicken ihre Rekruten als kostenlose Arbeitskräfte auf die Baustelle ihrer eigenen Datscha oder verscherbeln sie zu Hilfsarbeiten in Fabriken und Landwirtschaftsbetrieben. "Die Armee dient nicht der Abwehr eines potenziellen Gegners, sondern den Eigeninteressen der Offiziere", resümiert Golz.

An den im November 2001 von der Regierung verabschiedeten Plan zur Abschaffung der Wehrpflicht kann sich heute nicht mal mehr Verteidigungsminister Iwanow erinnern. Er hat im Januar die fundamentale Reformierung der Streitkräfte für abgeschlossen erklärt, bevor sie richtig anfing. Die Modernisierung Russlands in den Streitkräften ist vorerst gescheitert. Das Leiden in den Kasernen und daheim in den Wohnzimmern geht weiter.

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Nach dem Friedhofsbesuch an Ilja Kusnezows Todestag betrachten seine Eltern zu Hause ein Gedenkbuch für die knapp 50 Armeetoten, die es im Städtchen Wyksa zu beklagen gibt; ein Buch, das die Soldatenmütter zum Unwillen mancher Militärs herausgegeben haben. Neben den Helden der Afghanistan-Invasion zeigt das Gedenkbuch auch die ausdruckslosen Gesichter auf schwarz-weißen Dienstfotos von Tschetschenien-Kämpfern und verunglückten Soldaten, über die sonst lieber geschwiegen wird. Das Gedenkbuch gibt den Eltern, was ihnen von staatlicher Seite vorenthalten wird: Anteilnahme.

Denn der Prozess gegen Iljas Einheit über eine moralische Entschädigung platzte vor einem Jahr im 2.000 Kilometer entfernten Wladikawkas, da der Täter nach dem Ende seines Wehrdienstes angeblich unauffindbar war. Iljas Eltern, die sich die weite Reise nicht leisten konnten, erfuhren das erst mit Hilfe der Soldatenmütter aus Nischnij Nowgorod. Nun versuchen sie, die Militärstaatsanwälte zu einer Fahndung zu animieren. Doch oftmals logieren Richter und Staatsanwälte im selben Haus der Garnison, nicht weit vom Kommandeurssitz. Mancher Prozess verläuft da wie ein Männerkränzchen in Uniform. Die trauernden Eltern sind mit der undurchschaubaren Justiz überfordert. Ein Anwalt bleibt für sie unerschwinglich. "Solange wir keinen normalen Staat haben", sagt Iljas Tante, "bekommen wir auch keine anständige Armee."