Mit schweren Schritten gehen Iljas Verwandte zum Kantinenrestaurant des Stadtteils, wo die Kellnerinnen Küchenschürzen tragen und das Aluminiumbesteck sich auf Löffel und Gabel beschränkt. Gemeinsam mit seinen Freunden erheben sie schweigend das Wodkaglas auf den Toten. Dann fahren sie auf den angesehenen Waldfriedhof. Zwischen Kiefern und Birken liegt Iljas Grabplatz im trockenen Sandboden. Der Großvater konnte ihn dank seiner Beziehungen zur Stadtverwaltung ergattern. Die Freunde stellen einen Plastikbecher mit Wodka vor den Grabstein. Dazu legen sie eine Scheibe Brot, etwas Reis mit Rosinen vom Kantinentisch, Bonbons und eine angezündete Zigarette. Ihr Rauch steigt in Kringeln auf. "Ilja nimmt einen Zug", sagt ein Freund. Der Großvater, der 40 Jahre der Kommunistischen Partei diente, versteht diese Welt nicht mehr. "Früher war ein solcher Tod ein schwerwiegendes Ereignis", sagt er, "heute ist es die Norm."

Zum Inbegriff des Soldatentums gehört es, Schmerz zu ertragen

Die Gewalt in der Armee hat durch die gesellschaftlichen Umbrüche während der neunziger Jahre eine neue Stufe der Grausamkeit erreicht. In der totalitären und vor der Öffentlichkeit weitgehend abgeschotteten Kasernenwelt herrschen die Dienstälteren über die jüngeren Rekruten. Die informelle Hierarchie wird allgemein "Großväterherrschaft" genannt, nur das Verteidigungsministerium besteht auf der Bezeichnung "vorschriftswidrige Beziehungen". Die zweijährige Dienstzeit teilt sich in vier Halbjahre: Während der ersten beiden ist der "Geist", "Schildkröte", "Elefant" oder "Schnürsenkel" genannte Rekrut zur Demütigung und Folter freigegeben. Wenn die Dienstälteren das zivile Wertesystem aus ihm herausgeprügelt haben, kommt er in den letzten beiden Halbjahren selbst in den Genuss des Peinigens. Er heißt dann "Fasan" oder "Großvater". Viele Offiziere finden die "Großväterherrschaft", die an die ungeschriebenen Hierarchien in Jugendheimen und Straflagern erinnert, angenehm. Sie können in Ruhe ihrem Zweitjob nachgehen, während die "Großväter" die Disziplinierung in den Kasernen garantieren. Das Gewaltsystem beruht zunehmend auch auf ethnischen Merkmalen: Vor allem muslimische Rekruten aus der Republik Dagestan terrorisieren oft die slawischen Dienstleistenden.

Die "Großväterherrschaft" trat bereits in den sechziger Jahren in der Sowjetarmee zutage, wie Berichte von Uniformdiebstahl durch Ältere und Hooliganismus belegen. "In der Stalinzeit war der Offizier noch wie der Soldat ein Leibeigener und lebte in der Kaserne", erzählt der Militärexperte Alexander Golz. "Aus Furcht vor Bestrafung kümmerte er sich persönlich um die Pyramide der Disziplin. Doch als die sowjetische Gesellschaft sich etwas liberalisierte, fühlten sich die Offiziere freier und gaben den Auftrag der Disziplinierung an die Soldaten des zweiten Dienstjahres weiter." Bis heute fehlt den russischen Streitkräften für diese Aufgabe eine eigenständige Unteroffiziersklasse wie in westlichen Truppen.

Die russische Armee hat sogar in ihrer Dienstsatzung festgeschrieben, dass der Wehrdienstleistende standhaft Belastungen und Entbehrungen zu dulden habe. Schmerz zu ertragen gehört danach zum Inbegriff des Soldatentums und dient der Abhärtung für den Kampf. Heimaturlaub ist eine Seltenheit, der Sold bei karger Verpflegung eher ein Bettlerlohn. Generalleutnant Wladimir Schamanow rühmte einst seine Stoiker in Uniform: "Sie finden keinen anspruchsloseren, selbstaufopferungswilligeren und anpassungsfähigeren Krieger als den russischen." Wie das Soldatensiechtum jenseits des mythischen Vorhangs in den Kasernen aussieht, versuchen die Militärs durch ihren Geheimhaltungskult zu verbergen.

Nur selten gibt sich ihre PR-Einheit zugänglich, dann präsentiert sie den Rekrutensammelpunkt Schelesnodoroschnoje bei Moskau. "Es ist eine heilige Sache, der Heimat zu dienen", steht auf Plakaten, auf denen markige Soldatengesichter penetrant nach oben blicken. Das Vorzeigeobjekt riecht dank der "Renovierung in europäischem Standard" mehr nach Farbe als nach Schweiß. Im wehrhaften Kirchlein auf dem Kasernenhof haben die orthodoxen Priester, die sich im Kult der leidvollen Aufopferung der Armee verbunden fühlen, sogar einen ruhmreichen Flottenkommandanten gleich zur Ikone gemalt.

Ein Oberst führt durch das Hauptgebäude vorbei an Rekruten, die mit Vier-Sterne-Höflichkeit behandelt werden. Unter seinem Arm trägt er eine rote Mappe mit der Aufschrift "Plan zum Besuch des Sammelpunktes". Die Abwicklung der Werbetour ist Routinesache. Im Computerraum, der wie die Verkaufsausstellung eines Hi-Fi-Marktes nach frischen Plastikgehäusen riecht, testen künftige Rekruten ihre Psyche. "Ich spüre fast täglich eine Trockenheit in der Kehle", bietet das Programm als Fangantwort an. Oder: "Ich fühle häufig eine Ermüdung vom Leben und möchte nicht mehr weiterleben." Zur Aufheiterung des Armeeidylls treten im Theatersaal manchmal Afghanistan-Veteranen und das Tanz- und Gesangsensemble der Grenztruppen auf. "Wir machen aus demjenigen, der die Heimat verteidigt, einfach einen guten Menschen", lobt der Oberst seine Ausbilder.