Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Nikolaj, der als Leutnant in der Einheit Gorelowo bei Petersburg seine letzten Diensttage zählt, hat formal einen Personalbestand von 60 Soldaten unter sich. In Reih und Glied stehen meist 30 bis 35 vor ihm, wenn überhaupt. Die anderen hat er kaum gesehen. Viele von ihnen sind Offiziersfrauen, die sich auf die Personalliste setzen ließen, um Sold zu kassieren.

Wer als Idealist in die Armee gekommen ist, leidet am meisten

Die Offiziere sind selten anwesend. "Der Staat gibt vor, uns zu bezahlen, und wir geben vor, ihm zu dienen", lautet der Schnack der Einheit dazu. Sogar Offiziere, die in Moskau die Militärakademie besuchen, fahren nachts Taxi und schlafen tagsüber in den Vorlesungen. "Da gibt es eine klassische Haltung", erzählt Nikolaj aus eigener Erfahrung: "Den Stift mit einem Kaugummi auf dem Tisch befestigen, die Hand darumlegen und den Kopf schräg auf das zusammengefaltete Schiffchen auf die Schulter betten – und schlafen."

Der Dienst ähnelt einer absurden Komödie, wenn Inspekteure die Einheit besichtigen und die Aufstellung von Propagandawänden fordern. "Da haben wir die Wände zusammengenagelt und angestrichen", erzählt Nikolaj. "Und bei der nächsten Inspektion befahlen sie uns, sie wieder abzubauen." Das ziellose Soldatenleben bekämpfen manche mit Alkohol. Ein Wehrdienstleistender aus Nikolajs Personalbestand hat angetrunken vor vier Monaten einem Rekrutenkollegen mit dem Militärstiefel eine Schramme unter das linke Augen getreten. Ein anderer brachte im vergangenen Winter für drei Euro Beute im Suff seinen Nachbarn um. "Vielleicht zehn Prozent bei uns sind als Idealisten in die Armee gekommen", sagt Nikolaj. "Die leiden am meisten." In seiner Einheit kam es allein im ersten Halbjahr zu fünf Verbrechen: eine Schlägerei, zwei Desertionen, ein Diebstahl und eine Befehlsverweigerung. Zuweilen fährt Nikolaj wie ein Detektiv durch das Leningrader Gebiet, um die Ausreißer aufzuspüren.

Allein in den Monaten März und April haben knapp 500 Rekruten ihre Einheiten in Russland widerrechtlich verlassen. Manche nehmen ihre Waffen mit und richten bei ihrer Flucht ein Blutbad an: Am 1. September erschoss ein Deserteur im Fernen Osten drei Polizisten, als sie ihn festnehmen wollten. Viele retten sich zu den Soldatenmüttern. Ihrer Organisation ist es vor allem zu verdanken, dass die innere Zerrüttung der Streitkräfte schon unter dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow zu einem öffentlichen Thema wurde. Der Versuch vieler Militärs, den Protest als weibliche Hysterie zu verunglimpfen, misslang. Fast jeder zweite Russe kennt die Soldatenmütter. Zwei Drittel beurteilen ihr Engagement positiv.

In Petersburg ist den Soldatenmüttern das Türschild schon seit langem abhanden gekommen. Der frühere Stabsfeldwebel, der über ihnen wohnt, hat es zur persönlichen Rache abgeschraubt. Manchmal, wenn er zu viel getrunken hat, versucht er auch, vermeintliche Deserteure im Hauseingang in Handschellen zu legen – bis die wehrhaften Mütter dazwischengehen.

Drinnen wirkt das Nebeneinander von Agitationsplakaten, abgeschabten Kunstledersesseln, plüschigen Hauskatzen und erschlafften Luftballons wie eine ortsfeste Kirchenfreizeit. Die Wand schmücken Urkunden und eine hässliche rote Solidarność-Uhr, ein Geschenk von Lech Wałęsa. Den Aachener Friedenspreis erhielten die Soldatenmütter Anfang September. "Das tut moralisch gut", sagt die Vorsitzende Ella Poljakowa. Denn die Zukunft ihrer Organisation, auf deren Emblem eine Kerze in einen Tunnel hineinleuchtet, ist eher düster. Nachdem sich im Januar 2003 gleich 24 Rekruten einer Einheit der Eisenbahntruppen zu den Soldatenmüttern flüchteten, stellte Verteidigungsminister Sergej Iwanow laut die bedrohliche Frage, wer sie eigentlich finanziere. Für untergeordnete Beamte mag das wie der Ruf "Fass!" klingen. Eine erste Prüfung durch die Justizbehörden hat Poljakowa noch mit Verwarnungen und Drohungen überstanden.