Mit der leisen, aber eindringlichen Stimme einer geduldigen Missionarin belehrt sie Deserteure, die sie "Läufer" nennt, mit welchen Eingaben sie ein Strafverfahren vermeiden können. "Unsere Menschen sind gewohnt, in Sklaverei zu leben", sagt sie. "Wir möchten sie dazu bringen, die Reserven ihrer Würde für sich zu mobilisieren."

Bisher sammeln die Soldatenmütter wie in Nischnij Nowgorod zwischen roten Aktendeckeln vor allem Dokumente der Entwürdigung, des Leids und der Angst. Briefe, mal in ungelenker Handschrift mit Rechtschreibfehlern, mal in Schönschrift, die von den Folterpraktiken der "Großväterherrschaft" berichten: Schläge mit Stiefeln auf die Brust, mit Gürtel und Gürtelschnalle auf die Schienbeine, mit Stöcken auf die Nieren und dem Hocker auf den Kopf. Die vorsichtigen Folterer wickeln sich nasse Handtücher um die Fäuste, damit es keine Blutergüsse gibt. Rekruten müssen mit bloßen Händen die Toiletten putzen, Zigaretten essen und Chlorkalklösung trinken.

Sie werden gezwungen, sich über das untere Doppelbett zu hängen, bis die Kräfte nachlassen. Sobald sie fallen, werden sie verprügelt. Die Übung heißt "das Krokodil trocknen". Um die Nerven besonders zu kitzeln, stellen die Peiniger manchmal einen Dolch ins untere Bettzeug. Sollte der Rekrut hineinfallen, findet sich später der Vermerk "unvorsichtiger Umgang mit Waffen" im Untersuchungsbericht. Als das Opfer nach einer Prügelorgie in einer Einheit im Leningrader Oblast nur noch röchelt und blutigen Schaum spuckt, stechen ihm die "Großväter" Nadeln in die Brust und halten Feuerzeuge an die Fersen, damit es wieder zu sich kommt. Als alles nichts hilft, lassen sie den Rekruten liegen. Am Morgen ist er tot.

Stolz kehren die Veteranen zurück und werden zu Hause nur verachtet

Ungezählte Briefe finden sich von Eltern, die seit Monaten nichts mehr von ihrem Sohn gehört haben und denen die Einheiten eine Auskunft verweigern. Von Rekruten, die von den "Großvätern" ständig um Geld erpresst werden, ein paar Euros jeweils. "Geld gebären" heißt das im Jargon, am besten per Brief von den Eltern. Denn in einer Armee, in der mitunter das Essen für die Rekruten nicht reicht, neigen die Stärksten zur Verpflegung in Selbstorganisation.

Dazwischen klemmt der Brief eines verzweifelten Soldaten, der beim Abschuss seines Hubschraubers in Tschetschenien Verbrennungen an Kopf und Körper erlitten hat. Seine Einheit weigert sich, ihm die Teilnahme an Kampfhandlungen für eine Zusatzprämie zu bescheinigen. In einem Brief an Präsident Wladimir Putin schreibt er: "Erklären Sie mir, wozu ich überlebt habe, wenn ich von meiner Pension von 22 Euro nach meiner Heirat auch meine Frau und Mutter mitversorgen muss. Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit solchem Kleinkram belästige, aber für mich ist dieser Kleinkram mein Leben."

Die Soldatenmütter haben es bei allem Ansehen schwer. Denn nach wie vor nimmt die Mehrheit der Bevölkerung die Armee als Kernelement des russischen Staates wahr und hält sie für wichtiger als individuelle Rechte. Der Soziologe Boris Dubin vom Analytischen Institut Jurij Lewada hat ermittelt, dass jeder fünfte Russe die Stärkung des kriegerischen Geistes in der Armee befürwortet. Diese Meinung teilen sogar viele Jugendliche. 85 Prozent sprechen sich für die Wiedereinführung der Wehrerziehung in der Schule aus. Das Offizierskorps gilt weiterhin in der Erinnerung an die sowjetischen Zeiten als gesellschaftliche Avantgarde.