Er war eine wichtige Persönlichkeit. Er hatte ein Vorwort geschrieben, von dem sie fasziniert war. Darin heißt es: "Wir ersticken. Von Kindheit an werden wir verstümmelt… Ihr sterbt vor Bescheidenheit. Wagt es, zu verlangen, seid unersättlich! … Scheut euch nicht, den Mond zu fordern… Versucht nicht, eurem Unheil zu entwischen, findet seine Ursachen und zerschlagt sie … Ein junger Mann suchte mich auf …"

Sie schrieb ihm einen Brief. Ein Treffen folgte und eine zwei Jahrzehnte dauernde Freundschaft. Er versteckte sie in seinem Tag – sie war nicht die Einzige –, indem er sie zum Frühstück in ein Café oder zu sich nach Hause bestellte.

Sein Leben war minutiös durchorganisiert: An erster Stelle stand seine Arbeit, dann kam die Frau, mit der er schon lange zusammen war und die eine besondere Stellung einnahm. Erst danach hatte er Zeit für Wanda, für Michelle, für Arlette, für Eveline und schließlich für sie, um die es hier geht. Außer seiner "Hauptfrau", die er nie belog, durfte niemand von ihrer Existenz wissen. Auf die Frage, warum er sie verstecken wolle, antwortete er:" Sie werden sehen, bald wollen Sie noch mehr. Ich habe Sie in meine Arbeitszeit hineingenommen, weil es nicht anders geht. Wenn ich, nachdem ich Ihnen schon gesagt habe, Sie werden meine letzte Kleine sein, mitteile, dass es noch andere gibt, werden Sie mir Szenen machen. Und, wie gesagt, will ich nun einmal meinen Frieden haben."

Er half ihr durch Gespräche, ihre Kindheit aufzuarbeiten. Ihre jüdische Familie war im Krieg untergetaucht, eine Schwester war deportiert worden. Ohne Lebensmittelkarten hatten sie und ihre vielen Geschwister überleben müssen. Sie litt unter Verlustangst, was er als "abandonnique" bezeichnete.

Als sie einmal seinen schäbigen Schreibtisch monierte, bat er sie, ihr einen großen, schlichten aus Holz, aber auf keinen Fall einen neuen zu kaufen. Sie fand den Tisch auf dem Flohmarkt. Er und seine Frau waren begeistert. Doch durfte sonst niemand wissen, wer ihm dieses Möbel verschafft hatte. Er erfand also mehrere Geschichten, für jede seiner Freundinnen eine. Nach und nach lernte sie diese kennen.

Eines Tages erzählte er ihr, er wolle Arlette adoptieren, werde das aber nie ohne ihre Einwilligung tun. Sie brach in Tränen aus. Doch er versicherte ihr, es werde ihr nichts wegnehmen. Sie werde seine Bastardin sein und diese zöge er den Adoptivkindern vor. Auf die Frage der Adoption kam er in ihm günstig scheinenden Momenten regelmäßig zurück, doch sie wollte nicht zustimmen. Von der Adoption erfuhr sie schließlich einige Monate später über eine Freundin, die die Schlagzeile in der Zeitung gelesen hatte. Für sie brach eine Welt zusammen.

Auch seine Frau, die ihr beteuerte, dass ihm die Adoption nichts bedeute, konnte sie nicht beruhigen. Sie wollte ihn nicht wiedersehen.