Für Kai-Uwe Ricke, den Chef der Deutschen Telekom, wird es ungemütlich. Nicht, dass es bislang einfach war, den Konzern auf Kurs zu halten. Doch wachsender Wettbewerb und neue Technologien setzten dem Fernmelderiesen nachhaltig zu. In diesem Jahr wird sein Anteil am Gesamtmarkt für Telekommunikationsdienste auf 54 Prozent weiter sinken, prognostiziert der Branchenverband VATM. Alle Macht und Kraft, die der Konzern bislang aus seinem einstigen Monopol ziehen konnte, schwindet – zwar langsam, aber sicher. Bislang konzentrierte sich Ricke aufs Sparen. Nun muss er den Konzern zukunftssicher gestalten.

Auf dem Weg nach vorn macht er zunächst einen Schritt zurück. Ricke nimmt die Internet-Tochter von der Börse und verschmilzt sie mit der Sparte T-Com. Dass ist sinnvoll. Doch die Kleinaktionäre von T-Online sind sauer. Jedenfalls finden ihre Beschützer aus den einschlägigen Vereinen, dass Ricke mit 8,99 Euro zu wenig Geld bezahlen will. Schließlich betrug der Ausgabepreis im April 2000 satte 27 Euro. Anfang Mai schoss der Kurs sogar auf 48 Euro hoch; doch das war dem Hype geschuldet. Im September des Jahres 2001 rutschte der Kurs schließlich unter fünf Euro. Wer anders hat das zu verantworten als "der Markt", in dessen Natur es nun einmal liegt, dass die Preise schwanken? Zudem können die Aktionäre von T-Online ihre Papiere auch gegen die der Telekom tauschen.

Missmanagement ist weder Ricke noch dem ehemaligen T-Online-Chef Thomas Holtrop vorzuwerfen. Der ging Ende September dieses Jahres, weil er sich zu Höherem erkoren fühlte, aber nicht berufen wurde. Holtrop wollte an die Spitze von T-Com, deren Chef Josef Brauner bereits im April das Weite gesucht hatte. T-Com ist die größte Sparte des Konzerns; sie beherrscht das Festnetz, die Technik und allein in Deutschland fast 50 Millionen Telefonanschlüsse. Deshalb ist T-Com sozusagen die Keimzelle des Konzerns; T-Online nur ein Spross, der sich zu weit vorgewagt hat.

Künftig muss er sich einer einheitlichen Strategie unterordnen. Denn T-Com wird das traditionelle Telefon-, das moderne Online- und noch frische Breitbandgeschäft, also die schnellen Internet-Zugänge (T-DSL), managen. Ricke holte dafür einen Mann von draußen: Walter Raizner, den deutschen Statthalter des amerikanischen Computerbauers IBM.

Das scheint eine gute Wahl. Raizner ist unbelastet von allen Querelen, in die sich Holtrop und Brauner zuletzt verstrickten. Allerdings: Raizner kommt aus der Welt der Computer; das Massengeschäft rund ums Telefon hat damit wenig gemein. Zudem steht die Telekom unter dem striktem Regime eines Regulierers. Daran wird sich Raizner gewöhnen müssen. Vor allem aber: Der IBM-Manager ist routiniert im Umgang mit großen Kunden. Ausgerechnet dieses Geschäft aber wird künftig allein in der Regie von Konrad Reiss liegen. Der nämlich ist der Chef von T-Systems, der IT-Tochter der Telekom. Reiss wird es nicht zu schätzen wissen, wenn jemand versucht, ihm ins Handwerk zu pfuschen.

Die Versuchung dazu ist groß. Wenn nicht Raizner, so wird Ricke selbst genügend Anlässe haben, bei T-Systems öfter nachzuhaken als bisher. Reiss hat nämlich ziemlich heikle Projekte in seinem Programm. Da ist zunächst die Lkw-Maut, die bislang nur durch peinliche Pannen auffiel. Fast eine halbe Milliarde Euro musste Ricke deshalb vorsichtshalber zurückstellen. Gelingt das Vorhaben beim nächsten Anlauf nicht, ist der Ruf der Telekom als High-Tech-Konzern endgültig ramponiert, selbst wenn das Verschulden an dem Desaster breit gestreut ist.

Bislang wollten Politik und Technik einfach nicht zusammenpassen. Das gilt auch für die Software für die Arbeitsagenturen im Rahmen von Hartz IV, der großen Arbeitsmarktreform. T-Systems arbeitet mit Hochdruck daran. An das Gelingen dieses Projekts hat Wirtschaftsminister Wolfgang Clement sein Schicksal geknüpft. Doch noch ist nicht sicher, ob das riesige Software-Paket rechtzeitig allen Anforderungen genügen wird – nicht zuletzt deshalb, weil sich die politischen Parteien lange nicht einigen konnten. Geht die Sache schief, ist heute schon klar, wer den Schwarzen Peter bekommt: die Telekom und damit Reiss – oder Ricke, je nach Lage der Dinge.

Das freilich sind nur die praktischen Probleme, die der Telekom-Chef überstehen muss. Trotz nörgelnder Aktionäre wird er darüber hinaus den Konzern komplett umbauen müssen. Denn auch die Trennung zwischen Festnetz und Mobilfunk ist antiquiert. Gemeinsamer Nenner sind jene Inhalte, die das Festnetz-Internet-Portal attraktiv machen sollen und künftig auch bei der neuen Mobilfunktechnik UMTS eine entscheidende Rolle spielen. Zudem wird es den Kunden schon bald gleichgültig sein, mit welchem Gerät sie über welches Netz kommunizieren; nur Preis und Komfort zählen. Innovationen sind also mehr den je gefragt. Denen aber steht das ausgeprägte Spartendenken derzeit noch im Wege.