Nimmt man die letzten drei Volkszählungen zwischen 1980 und 2000, dann bewegt sich der Bevölkerungsschwerpunkt der USA um fünf Meilen pro Jahr in Richtung Südwesten. Die territoriale Verschiebung zeigt, wie sehr die Gesellschaft in Bewegung geraten ist. Dort, wo Hispanics und Asian-Americans einen überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsanteil ausmachen, liegt die Zukunft Amerikas. In spätestens drei Jahrzehnten wird es keine weiße Mehrheit mehr geben. Dass in Amerika alle gleich sind oder eine einheitliche Kultur existiert, mutet wie eine Vorstellung aus einem vergangenen Jahrhundert an.

Wenn Amerikaner gefragt werden, ob ihnen Gleichheit oder Freiheit wichtiger sei, fällt die Antwort entsprechend eindeutig aus. Zwei Drittel favorisieren die Freiheit – in Deutschland ist das Ergebnis genau umgekehrt.

In diesen Einschätzungen spiegelt sich die wichtigste Differenz der beiden Gesellschaften. Freiheitsvorstellungen sind dynamisch, sie müssen immer wieder von neuem ausgefüllt werden, während soziale Gleichheit sich in Zahlen und Einkommenskurven ausdrückt. Gleichheitsvorstellungen sind statisch und ignorieren jene Unterschiede, die sich nicht in Ziffern ausdrücken lassen. Darum hinkt der transatlantische Vergleich der Wohlstandsstatistiken, denn hinter den Daten besserer sozialer Absicherung und weiterreichender Gesundheitsfürsorge versteckt sich beispielsweise in Deutschland die bittere Geschichte verweigerter Anerkennung von vier Millionen Einwanderern. Das drückt sich in den Debatten über christliche Wurzeln in der europäischen Verfassung genau so aus wie in den Diskussionen um die EU-Mitgliedschaft der Türkei.

Nicht bloß, weil der europäische Traum im 20. Jahrhundert vor allem ein Albtraum gewesen ist, hat es wenig Sinn, den American Dream gegen sozialpolitische Gleichheitstraditionen in Stellung zu bringen (und das angesichts des zerfallenden Gesundheitssystems, bankrotter Rentenkassen und 380000 Berliner Sozialhilfeempfänger). Weit gefährlicher ist die Selbsttäuschung einer Gesellschaft, die sich für flacher und homogener hält, als sie in Wahrheit ist. Denn in allen Wohlfahrtsstaaten wird unausgesprochen vorausgesetzt, dass man einander unterstützt, weil man der Gemeinschaft der Deutschen oder Schweden angehört. Die "anderen" indes haben keinen Anspruch auf Teilhabe. Nur so ist es zu erklären, dass man in der alten Bundesrepublik glaubte, die Frage der politischen Integration ignorieren zu können.

Solche Selbstvergessenheit ist in der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft unmöglich. Sie muss sich ihren Mitgliedern stärker öffnen, denn in den USA kann man dazugehören, ohne sich verleugnen zu müssen. Dieses Moment ist im American Dream ausgedrückt, er handelt nicht von sozialer Gerechtigkeit, sondern von politischer Anerkennung und individueller Freiheit – schwer messbare, aber wichtige Ressourcen moderner Gesellschaften.

Dass ethnische und kulturelle Differenz eine Quelle der Stärke sein können, hat der Soziologe Nathan Glazer schon 1954 in einem Essay über die Selbstendeckung von Italienern, Iren und Puerto-Ricanern in New York beschrieben. Daran haben auch die Auseinandersetzungen der Bürgerrechtsepoche wenig geändert. Seitdem ist die Gesellschaft um eine Generation gereift, und die Härte der Rassenkonflikte der sechziger Jahre hat im Alltagsbewusstsein verankert, was zwei Weltkriege in Europa nicht vermochten: dass es sinnlos und gefährlich ist, Bürgerrechte, Teilhabe am öffentlichen Leben und Karrierechancen von Hautfarbe und Herkunft abhängig zu machen.