Offenbar wollte Angela Merkel nicht die letzte sein, die sich von der Idee verabschiedete. Also ließ die CDU-Vorsitzende kurz vor dem Wochenende ihren Vertrauten Volker Kauder erklären, die CDU werde das umstrittene Projekt einer Unterschriftenaktion gegen den EU-Beitritt der Türkei nicht weiterverfolgen.

Eine Woche lang hatte das Thema die Vorsitzende zunehmend unter inner- und außerparteilichen Erklärungsdruck gebracht. Ein Landesverband nach dem anderen hatte in den vergangenen Tagen der Vorsitzenden in der Unterschriftenfrage die Gefolgschaft verweigert – von den Außenpolitikern der Unions-Fraktion ganz zu schweigen, die über Merkels Vorstoß tagelang nur noch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hatten. Die populistische Idee, die das außenpolitische Ansehen der Union aufs Spiel setzte, um in einer zunehmend schwierigen Lage innenpolitische Stimmungsgewinne zu erzielen, ist damit passé.

Doch ohne Schaden für die Vorsitzende wird die Sache nicht abgehen. Sie wirft erneut ein Schlaglicht auf Merkels einsame Rolle an der Spitze ihrer Partei: Erst berät sie sich in einer derart wichtigen Frage nicht mit ihren Führungskollegen - und die fühlen sich dadurch umgekehrt nicht zur Loyalität verpflichtet. So hat die Vorsitzende erst eine spektakulär falsche Entscheidung getroffen, für die sie danach in aller Öffentlichkeit ziemlich allein geradestehen musste. Damit war der Ausstieg programmiert. Das derzeit katastrophale Verhältnis zur CSU, wo die Idee der Unterschriftenkampagne geboren wurde, wird Merkels Rückzug noch weiter verschärfen. Als hätte sie mit den Bayern nicht schon genug Probleme bei der Gesundheitsreform.

In dieser Frage droht die CDU-Vorsitzende gerade ihren selbst gesteckten Anspruch als die kommende Reformerin des Landes zu verspielen. Wer will ihr die großen Reformambitionen noch abnehmen, wenn sie sich damit nicht einmal in der Union durchzusetzen vermag? Vielleicht liegt ja hier – im Interesse an einer Demontage der CDU-Chefin – der eigentliche Grund ihrer Schwierigkeiten. Mit dem Hin und Her in der Türkei-Frage hat sie ihre Angriffsfläche jedenfalls weiter vergrößert. Während die einen fragen, wie sie sich auf die bayerische Schnapsidee einlassen konnte, werden die anderen ihre mangelnde Entschiedenheit herausstellen. Angela Merkel geht schweren Zeiten entgegen.