Für gewöhnlich bereiten einem schwere Entscheidungen viele schlaflose Nächte. Dafür blieb Jörg Dräger keine Zeit. Es war schon spät in der Nacht, als der Anruf kam, der sein Leben ändern sollte, sein berufliches zumindest. Ob er Wissenschaftssenator der Freien und Hansestadt Hamburg werden wolle, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Dräger, noch schlaftrunken, bat sich Bedenkzeit aus, bis 12 Uhr Mittag des nächsten Tages. Noch war er Geschäftsführer am NIT, dem Northern Institute of Technology in Hamburg-Harburg. Das Institut, geprägt von Internationalität und Interdisziplinarität, galt schon bald nach seiner Gründung als Vorbild für andere Hochschulen.

"Ich war am NIT nicht auf dem Absprung", sagt Dräger, "die Arbeit dort hat mir unglaublich viel Spaß gebracht, das Institut war ja ein bisschen mein Baby – da geht man nur schweren Herzens."

Wie sollte er sich also entscheiden? Er sei vorher nie auf den Gedanken gekommen, Politiker zu werden, erzählt der promovierte Physiker. Zwar habe er während der Koalitionsverhandlungen in Hamburg als Berater fungiert, aber nicht in dem Glauben und erst recht nicht in dem Wissen, dass er Senator werden sollte.

Was ihn während dieser kurzen Nacht und dieses langen Morgens am meisten zögern ließ, war die Frage: Will man in dieser Medienwelt eine Person des öffentlichen Lebens sein? Sicher, auch während seiner Zeit am NIT war er das eine oder andere Mal in den Medien, aber da war es meist er, der das Wann bestimmte. "In der Politik kann man sich den Zeitpunkt aber nicht aussuchen, da ist man immer eine Person des öffentlichen Lebens. Und ich schätze mein Privatleben sehr."

Kurz vor zwölf hat er geantwortet: "Ich will das machen"

Der Wunsch, Gestaltungsspielräume zu schaffen, war schließlich ausschlaggebend für seine Entscheidung, in die Politik zu gehen. Und die Überzeugung, dass es im Staatswesen einen erheblichen Veränderungsbedarf gebe. Er sagte sich: "Das ist eigentlich eine tolle Aufgabe, ich bin jung genug, ich riskiere es jetzt." Pünktlich, kurz vor 12 Uhr, hat Jörg Dräger dann zurückgerufen und gesagt: "Ich will das machen." Seit Herbst 2001 ist er Senator für Wissenschaft und Forschung. 2004 kam noch das Ressort Gesundheit dazu.

Zwei Vorurteile über Politik hatte er, beide sind nicht eingetreten. Er hat gesehen, dass Verwaltung reformwilliger, veränderungswilliger sein kann, als er sich das bisher vorgestellt habe. "Man findet auch hier Leute, die abends um zehn noch am Schreibtisch sitzen", sagt Jörg Dräger Und dann habe er die Erfahrung gemacht, dass Entscheidungsprozesse sehr viel rationaler und transparenter liefen, als er vermutet habe.

Nachhilfe in Sachen Politik hat er von seinen Staatsräten bekommen

Er geht keiner Diskussion aus dem Weg: "Öffentliche Auseinandersetzungen gehören zum Geschäft." Aber in dem Moment, "in dem persönliche Angriffe ungerechtfertigt auf einen niederprasseln, wird es schwer, alles abperlen zu lassen", sagt Dräger. Vor allem seit seinem umstrittenen Refomprojekt der Hamburger Universität hat er es öfter auch mit unsachlicher Kritik zu tun gehabt.

Schlaflose Nächte hatte er in seiner Zeit als Senator deswegen aber noch nicht. Wenn er zu wenig Schlaf bekomme, dann nur, weil er bis zwei Uhr nachts am Schreibtisch sitzt und sehr früh aufsteht. Der 36-Jährige unterscheidet zwei Politikertypen: den, der aus einer fachlichen Ecke kommt, der sein Gebiet beherrscht und bei der politischen Komponente dazulernen muss. So sieht er sich selbst, als einen Wissenschaftsmanager, der auf Zeit in die Politik gewechselt ist. Nachhilfe in Sachen Politik hat er von seinen Staatsräten bekommen, die langjährige politische Erfahrung haben, sowohl in der Opposition als auch in der Regierung. Die wissen, wie man Mehrheiten beschafft, Rückhalt für die eigenen Positionen findet. Und die die Abläufe zwischen Exekutive und Parlament in- und auswendig kennen.

Vom anderen Typus, dem des klassischen Berufspolitikers, sieht sich der parteilose Jörg Dräger weit entfernt, das will er auch nicht werden. Trotzdem sagt er, dass er im Moment einen Traumjob habe. Dass er einfach das Gefühl habe, es bewege sich was. "Vor drei Jahren hätte ich sicher nicht gedacht, dass es mir heute immer noch so viel Spaß macht." Arnfrid Schenk