Du fährst wie eine Wildsau!, sagt die Frau auf dem Beifahrersitz. Der Verkehr stockt, aber Dagmar Schmauks, Professorin für Semiotik an der Technischen Universität Berlin, ist in Fahrt. Sie erzählt von den Schweinen, ihrer Forscherleidenschaft. Sie findet sie überall: die Rampensäue und Sexferkel, die sich in Zeitungen tummeln, die Schweinehunde und geilen Keiler in der Alltagssprache - keine Sauerei entgeht ihr. Weder die Sparschweine, mit denen Discounter werben, noch die glücklich grinsenden Pappschweine vor Metzgereien. Wer so etwas liest oder sieht, erkennt sofort die Botschaft, sagt die Professorin. Selbst wenn der Zusammenhang völlig falsch ist. Und mit einem Seitenblick: Oder haben Sie schon einmal eine Wildsau am Steuer gesehen?

Es geht hinaus in den Berliner Speckgürtel, nach Ruhlsdorf ins Deutsche Schweinemuseum. Dagmar Schmauks baut dort ihre erste Ausstellung auf: Von der Lust, ein Schwein zu sein. Das Schwein in Redensart, Schlagzeile, Werbung und Comic (bis 31. Januar 2005). Wie es sich gehört, residiert das Museum in einem ehemaligen Schweinestall. Nach den Hungerwintern des Ersten Weltkriegs war in Ruhlsdorf die erste Lehr- und Versuchswirtschaft für Schweinehaltung gegründet worden. Heute ist daraus das Fachdezernat Schweinezucht des brandenburgischen Landesamts für Verbraucherschutz und Landwirtschaft geworden. Dazu gehört ein kleines, von einem rührigen Förderverein getragenes Museum. Die wenigsten, so erklärt dessen Leiter Gunther Nitzsche, kennten Schweine noch aus eigener Anschauung.

Die Dauerausstellung informiert über Schweinehaltung und -fütterung ebenso anschaulich wie über Fortpflanzungsmethoden. In Vitrinen liegen Besamungsgeräte neben Trächtigkeitsdetektoren. Davor steht etwas, das aussieht wie ein zu niedrig geratener, reichlich verschlissener Turnbock: ein Phantom, mit künstlicher Vagina. So ein Zuchteber, sagt Dagmar Schmauks und deutet auf den ausgestopften Schweinemann daneben, der sieht ja sein ganzes Schweineleben lang keine lebendige Sau. Der hat ja bloß dieses Beate-Uhse-ähnliche Gerät. Mit dem Ejakulat können zehn Säue befruchtet werden. Auf natürlichem Weg schafft ein Eber pro Woche nur drei.

Ausgerechnet das unschweinisch-schweinische Phantom brachte sie endgültig dazu, Schweinkram zu sammeln. Bei den Recherchen für eine Abhandlung über künstliche Tiere - Tamagotchis, Toybots oder die Verbrecher verbellende Hunde-Simulation Power Dog - war sie auf die in Viehzucht eingesetzten Phantome gestoßen. Ein Faible für das Borstenvieh hatte sie schon immer. Als sie 1996 von der Uni Saarbrücken nach Berlin an die Arbeitsstelle für Semiotik der TU wechselte, reiste ein Glücksschwein im Gepäck mit. Und an der Hauptstadt faszinierte sie gleich die Inbrunst, mit der die Wildschweine dort die Villenviertel umpflügen.

Ich bin auch gerne da unten, wo die Schweine wühlen, sagt die 1950 in Neuss am Rhein geborene Professorin. Da wühle ich auch. Denn Semiotik, die Wissenschaft von den Zeichen, ist für sie keine theoretische Veranstaltung.

Wichtig ist der Anwendungsbezug. Zeichen kann schließlich alles Wahrnehmbare sein. Alles, was für eine andere Sache steht, sie abbildet oder repräsentiert, Sprache inklusive. In einer Welt, die täglich unübersichtlicher wird, sei die Semiotik gefordert, Orientierung zu schaffen, sagt Schmauks. Für sie heißt das auch, sich in den so genannten Randbereichen des Alltags umzutun.

Der Kontakt zur Praxis ist der Semiotikerin wichtig. Früher ist sie Gabelstapler gefahren, um ihr Pädagogikstudium zu finanzieren. Sie war Lehrerin in Berchtesgaden, absolvierte ein zweites Studium in Philosophie und Linguistik und stieß zur Semiotik, weil sie es spannend findet, wie Zeichen die Kommunikation vereinfachen. Nun packt sie aus: Putzige Wutzen purzeln übereinander und manches Ferkel, das sie in die Vitrine stellt, leuchtet so schweinerosa, dass es in den Augen schmerzt. Ihr Liebling jedoch, ein Plüschschwein, ist nicht dabei. Der hat Hausarrest. Oder stecken Sie Ihre Angehörigen ins Museum?