Mit Musiken aus Afrika verhält es sich wie mit anderen Dritte-Welt-Flüchtlingen. Eingelassen in die Festungen des Nordens werden sie nur, wenn sie die Bereitschaft zur Assimilation mitbringen. Nicht zu fremd sollen sie sein, aber auch nicht zu vertraut, sonst wären sie keine exotische Alternative zum Einerlei der Hitparaden. Leitkultur bleibt in jedem Fall der Beat. Wenn er die richtige Drehzahl hat und der Rohstoff außerdem remixtauglich ist, steht einem Erfolg in den Clubs von Paris bis Tokyo nichts im Wege.

Dass Femi Kuti seine Lektion gelernt hat, bewies er bereits 1999, als er sein Album Shoki Shoki von der Creme der internationalen Produzentenszene elektronisch nachbearbeiten ließ. Seither ist der Afrobeat Marke Kuti ein Renner auf den Tanzflächen der Großstädte, Festivals buchen ihn als Headliner, und auch die Musikwirtschaft zeigte sich erkenntlich. Im vergangenen Jahr gab es eine Grammy-Nominierung für Fight To Win, eines der erfolgreichsten Weltmusikalben der angebrochenen Dekade. Ganz zufrieden kann den Sohn des großen Fela Kuti das Leben als Jetset-Nomade allerdings nicht gemacht haben. Sein jüngstes Projekt spielt wieder im nigerianischen Lagos, der Stadt, aus der er einst aufbrach.

Eine Rückkehr zu den Wurzeln als Attacke auf den globalen Markt

Vordergründig ist Africa Shrine das Dokument dreier Konzertabende im gleichnamigen, von Femi Kuti betriebenen Nachtclub. Tatsächlich handelt es sich um die von Kameras und Mikrofonen begleitete Inszenierung einer Rückkehr. Shrine hieß einmal die wandernde Spielstätte des Vaters, ein mythischer Ort, der vom Widerstand eines Einzelnen gegen Korruption und Machtwillkür zeugte. Wunderdinge erzählt man sich von den rauschhaften Shows, Felas 27 Frauen und den Joints, die die ganze Nacht nicht ausgingen. So zahlreich und hartnäckig kursierten die Geschichten um diesen Tempel des Afrobeats noch im formal demokratisch gewordenen Nigeria, dass staatliche Bagger Ende der Neunziger, zwei Jahre nach Felas frühem Aids-Tod, einrückten und die letzten Überbleibsel des Widerstandsnests in einer Nacht-und-Nebelaktion dem Erdboden gleichmachten.

Auf der DVD, die zeitgleich zur Musik-CD erscheint, sieht man den Sohn nun mit seinem Saxofon zur Bühne herabsteigen: ein legitimer Erbe, zurückgekommen, um die Legende seiner Familie weiterzuführen. Wie einst Fela wettert auch Femi gegen käufliche Politiker und gegen die nigerianischen Eliten, die im Bündnis mit ausländischen Regierungen das Land ausbeuten. Wie Fela mobilisiert er gegen das Elend in den Straßen des sechstgrößten Erdölstaats der Welt, und wenn die Musik schließlich einsetzt, verleiht seine Band The Positive Force den Elogen gehörigen Nachdruck. Was als Rückkehr zu den Wurzeln daherkommt, ist jedoch zugleich eine weitere Attacke auf den globalen Markt: Die wahre Zielgruppe sitzt jenseits von Afrika zu Hause vor ihren Abspielgeräten. Dass die ausufernden Improvisationen des heimischen Beats beim Versuch, sie dorthin zu bringen, zu kompakten Fünf-Minuten-Stompern schrumpfen, dass das Multimedia-Projekt Africa Shrine insgesamt Verwandtschaften zur Clip-Ästhetik von MTV aufweist – ein notwendiges Übel in der Ära zirkulierender Zeichen und Logos.

Bereits in seiner Urform war der in Plattenläden als "Afrobeat" geführte Stil nicht so rein, wie Weltmusik-Puristen gern glauben machen wollten. Fela "Anikulapo" ("der den Tod erzittern lässt") Kuti, Anfang der Siebziger selbst ein vielversprechender junger Musiker aus engagiertem Hause, befand sich gerade auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten, als er zum ersten Mal mit afroamerikanischem Funk in Berührung kam. Zurück in Lagos, mischte er den einheimischen High-Life-Jazz mit den wuchtigen Bläsersätzen eines James Brown und unterlegte das Resultat mit Texten, wie er sie aus den Schriften von Angela Davis und Martin Luther King herausbrach. In der Konfrontation von Eigenem und Fremdem entstand ein rhythmischer Bastard, der Nigeria draußen in der Welt kurzfristig Aufmerksamkeit verschaffte: Afrobeat – eine neue Note im aufkeimenden Multikulturalismus.

Nationale Grenzen waren schon damals nicht das entscheidende Hindernis für postkoloniale Erfolgsgeschichten. Musikformen, die aus dem Im- und Export von Stilen und Rhetoriken hervorgehen, entwickeln ihr Potenzial entlang jener Schnittstellen, an denen neue Techniken neuen Gedanken begegnen. HipHop hat es auf verschlungenen Wegen aus dem Ghetto in die Hitparaden geschafft, mit Bob Marley stieg wenigstens einer der alten Trikont-Löwen zum internationalen Superstar auf. Felas Vision einer panafrikanischen Musik allerdings sank nach der Afropopwelle der frühen Siebziger auf den Status eines Insidertipps zurück. Halbstündige Sessions, auf zwei LP-Seiten verteilt und im Monatsrhythmus herausgebracht, sind nicht das, was zerstreute Konsumenten nördlich des Äquators zu schätzen wissen.

Erst Femi hat dem väterlichen Beitrag zum Weltpopkulturerbe neue Umlaufbahnen eröffnet, indem er ihn verschlankte und einem Publikum jüngerer Partygänger erschloss. Plötzlich fiel auf, dass die Afrotrancen der Siebziger die drogeninduzierten Ekstasen der Technokultur vorwegnahmen. Inzwischen zirkulieren ungezählte Femi-Remixe durchs urbane Nachtleben, während parallel dazu Prachtboxen mit Felas je nach Zählung 50, 60 oder gar 70 Alben erscheinen, die zur digitalen Weiterverwertung einladen. Dass Kritiker Verrat am spirituellen Erbe wittern, kümmert keinen der Beteiligten, solange der Erfolg anhält und vor allem: der Spaß. Es sei kein Problem für ihn, über den Umweg von Club-Remixen ein europäisches Publikum zu erreichen, wenn es das Interesse an den Ursprüngen der Musik befördert, war erst unlängst wieder in einem Interview mit Kuti dem Jüngeren zu lesen. Fela mag der größere Exzentriker gewesen sein, Femi ist der entschieden bessere Medienpolitiker.