Ginge es nach den Europäern, so hieße der neue amerikanische Präsident John F. Kerry. Fast 60 Prozent würden für den Demokraten stimmen. Und 80 Prozent aller Deutschen ziehen ihn George W. Bush vor. Die Amerikaner entscheiden bei der Weltwahl am kommenden Dienstag aber allein. Wen auch immer sie küren werden – der Monarch auf Zeit im Weißen Haus wird sich auf ein Mandat von allenfalls 35 Prozent aller Wahlberechtigten stützen können. Die Legitimität seiner Macht mag dies nicht in Frage stellen – es sei denn, die allfälligen kleinen Wahlmanipulationen oder ein unentschiedener Ausgang verlagerten die Entscheidung wieder in den Obersten Gerichtshof.

Ganz anders sieht es mit dem Legitimitätsanspruch der Vereinigten Staaten aus, als Führungsmacht ohnegleichen für Sicherheit und Ordnung in der Welt zu sorgen. Denn nach vier Jahren Bush ist der internationale Ruf Amerikas an einem Tiefpunkt angelangt. Der kulturell arrogante Antiamerikanismus der Alten Welt hat neue Rechtfertigung im waffenstarrenden Hochmut der Bush-Regierung gefunden, der bis zum Irak-Debakel die Außenpolitik der Vereinigten Staaten geprägt hat.

In der islamischen Welt mobilisierte der "Kreuzzug gegen den Terrorismus" (Bush) die antichristlichen Ressentiments der Massen. Der altböse Feind des Kalten Kriegs, Russland, fühlt sich zwar in seiner gewalttätigen Tschetschenien-Politik im Namen des "war on terrorism" bestätigt, zugleich aber notiert er mit Unbehagen die Stationierung amerikanischer Truppen auf ehemals sowjetischem Territorium in Asien.

Was im neokonservativen Washington als Jammer-Litanei schwächlicher Europäer belächelt wird, ist in der Welt: die Nichtratifizierung des Atomteststopp-Vertrags und des Kyoto-Protokolls, die Kündigung des Antiraketen-Vertrags, die Weigerung, dem Landminenvertrag beizutreten, der Auszug aus den Verhandlungen über ein neues Biowaffen-Protokoll, die Ablehnung des Internationalen Strafgerichtshofs, die Verstöße gegen die Genfer Konvention seit dem Afghanistan-Krieg – und schließlich der Bruch des Völkerrechts im Irak-Krieg, dessen Begründung sich als Lügengeflecht entpuppt hat.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Washingtons republikanische Elite die Haustür der atlantischen Allianz zugeknallt hat, kam nicht völlig überraschend. Nach der Implosion der Sowjetunion hatte die Nato ihre Raison d’Être verloren. In der ersten Balkan-Krise bewiesen die europäischen Partner ihren geradezu zynischen Unwillen, in die blutigen Konflikte im eigenen Vorgarten einzugreifen. Während sie ihre Verteidigungsausgaben einfroren, rüstete Amerika weiter. Mit einem Etat von mehr als 400 Milliarden Dollar finanziert es die Stationierung seiner Soldaten in mehr als 150 Staaten. Der Hegemon ist überall. Er entscheidet allein über Krieg und Frieden, er ist der Souverän der ganzen Welt. So schien es bis zum 11. September 2001.

Im schockhaften Moment der eigenen Verletzbarkeit, im Anblick der zusammenstürzenden New Yorker Zwillingstürme, sagte sich die Bush-Regierung vollends von den mühsamen Ritualen althergebrachter Bündnisdiplomatie los.

Der Intellektuellen-Chor der neokonservativen Reaganauten stimmte die Hymne des neuen Unilateralismus an. "Nach einer Dekade, in der Prometheus sich als Pygmäe ausgegeben hat," so der Chorführer Charles Krauthammer, "ist eine Regierung endlich willens und bereit, die amerikanische Handlungsfreiheit und den Primat amerikanischer Interessen durchzusetzen." Indes – Aischylos’ Prometheus-Tragödie endet in größerer Weisheit: "Dein Eigensinn kann ohne Verständigkeit und Maß / Für sich allein niemandes Meister sein im Streit." Auch das zählt zu den Erfahrungen des kriegsmüden Europas. Was immer in den marsverzauberten Think Tanks Amerikas gedacht worden sein mag – "Venus Europa" hatte zu viele Krieger kommen und sterben sehen.