Auch Albträume verlangen eine gewisse Beteiligung des Träumers. Als ich die letzte Debatte zwischen Bush und Kerry verfolgte, glitt ich in eine Art Trance, wie sie das Fernsehen, manipulativ wie es ist, oft erzeugt. Und es gibt nichts Manipulativeres als politische Sendungen. Senator Kerrys trauriges, ehrliches Gesicht war schon allein eine Traumvision, während seine Stimme ein Bariton-Murmeln war, ein Schlaflied für potenzielle Wähler. Aber es war wie immer der Präsident, der den Glamour, das Geheimnisvolle und den Hauch surrealer Verrücktheit beisteuerte, den Traumcharaktere oft annehmen, während sie langsam in den Träumenden eindringen.

Bush, ein kleiner Mann, windet sich ständig hin und her, wie ein unruhiges Kind. Ein Fall von Entwicklungsstörung? Das fragte ich mich, als ich die ersten Tore zum Schlaf durchschritt. In der Schule ist Bush Cheerleader gewesen – das passt gut zu einer Volkswirtschaft, die heute die am höchsten verschuldete der westlichen Welt ist. Durch das Summen der Bildröhre hindurch höre ich sein Geschrei wie aus der Ferne. Dauernd wiederholt er: "Ich bin ein Kriegspräsident", wobei er verschweigt, dass seine erste Amtszeit durchaus nicht mit einem Krieg begann. Was es jedoch damals gab, waren viele Warnungen, der friedliche amerikanische Himmel könne zu einem Angriff auf uns benutzt werden. Und auch Osama bin Laden wurde von den Geheimdiensten bereits als jemand identifiziert, der uns Böses wollte.

Kriegspräsident? Er hat sich selbst zu einem gemacht, indem er den Angriff vom 11. September ausnutzte. Und dann befanden wir uns plötzlich in einem abgedrehten Traum wie aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Wie kann einer zum Kriegspräsidenten werden, wenn die Nation nicht von einer anderen Nation angegriffen wird? Zu einem Krieg braucht man ein feindliches Land. Wer? Was? Alice wird von Fantasiefiguren, darunter sogar Spielkarten, belehrt: Ein weißes Kaninchen bemerkt salbungsvoll, alle elf Selbstmordbomber seien Saudis gewesen, religiöse Eiferer. Osama bin Laden scheint sie finanziert zu haben, aber genau wissen wir es nicht. Als diese Saudis 3000 unschuldige Menschen töteten, rief man, weil es sich um Ausländer handelte, nach Interpol. Die Logik verlangte auch, nach der internationalen Polizei zu rufen, aber doch keinen Krieg zu führen, gegen wen auch immer.

Die blutrünstigste Spielkarte in Alices Wunderland ist die Herzkönigin, die bei dem kleinsten Anzeichen von Ungehorsam gleich "Runter mit dem Kopf!" ruft. Bush ist tief im Wunderland unterwegs, und die Königin ist sein Vorbild, denn er ruft unablässig: "Ich will ihn, tot oder lebendig. Ich bin ein Cowboy und ein Kriegspräsident!"

Während ich also in meinem Albtraum dahindämmere, frage ich mich, wie Bush behaupten kann, dass er sich im Krieg befinde – und wir mit ihm –, wo doch laut unserer Verfassung nur der Kongress einen solchen erklären kann. Offenbar hatte Bush schon bei Amtsantritt den Plan, den Irak zu erobern und die Arbeit zu Ende zu bringen, die sein Vater begonnen und dann schlauerweise liegen gelassen hatte. Bush jr. hatte sich zwar geweigert, in den zahlreichen Kriegen, die wir während seiner Jugend führten, Soldat zu spielen, er hatte jedoch kein Problem damit, Afghanistan und dem Irak den Krieg zu erklären, und zwar wegen des Gerüchtes, Osama verbringe seinen Urlaub gern in den afghanisch-pakistanischen Bergen…

Mittlerweile bin ich in meinen Träumen vom "ihm" ins "wir" verfallen. Träume machen das mit einem. Ein Traum, den Bush und seine Unterstützer immer schon träumten, bestand darin, die Macht des Präsidenten zu gebrauchen, um die bürgerlichen Freiheiten der Amerikaner zu beschneiden, was er mithilfe des US-Patriot Acts auch tat. Als Kriegspräsident konnte er auch eine neue nationale Sicherheitspolitik erfinden: den Präventivkrieg. Andere Diktatoren haben sich zwar auch solche Kriege genehmigt, aber keiner hat aus ihnen eine nationale Doktrin gemacht, ohne die Volksvertreter zu konsultieren, die im Übrigen nicht wirklich irgendjemanden vertreten, im Gegensatz zu vielen Unternehmen, die vom Krieg und der Ausbeutung von Bodenschätzen handfest profitieren.

Apropos neu erfundene Feinde: Bush gleitet also durch Alices Traum, immer wieder schreiend: "Runter mit dem Kopf!" Dann kommt aber der Augenblick, als Alice aufwacht und erkennt, was die Herzkönigin und die anderen wirklich sind: "Ihr seid ja nur ein Haufen Spielkarten!" Der Traumnebel löst sich auf und lässt einen englischen Sommertag vor langer Zeit zurück. Was will Lewis Carroll uns damit sagen? Dass die Visionen in Träumen wahr werden können. Im Grunde aber ist Carroll ein feinsinniger Logiker, und seine erfundenen Charaktere heißen in Wahrheit Rumsfeld, Blair und Cheney…

Sie meinen, die Namen hören sich nicht ganz richtig an? Das tun deren Argumente auch nicht. Sie arbeiten genau wie der Poet Carroll mit falschen Syllogismen und aggressiv-monströsen Tautologien – das volle Programm eben.