Die Lebensversicherer und ihre Kunden gehen harten Zeiten entgegen. Der jahrzehntelang größte Umsatzbringer, die Kapitalpolice, wird vom nächsten Jahr an kaum noch verkäuflich sein. Die Pflicht, bei Ablauf mindestens die Hälfte der über die Jahre angehäuften Erträge versteuern zu müssen, dürfte die potenzielle Kundschaft abschrecken. Vertretern und Vorständen dämmert, dass die paradiesischen Zeiten im nächsten Jahr der Vergangenheit angehören werden. Mit dem Argument der vollen Steuerfreiheit nach 12 Jahren Laufzeit verkaufte sich die Kapitallebensversicherung wie von selbst. Dazu kam der für die Versicherer beruhigende Umstand, dass der Versicherungsschutz für den Todesfall in der Gesamtkalkulation kein Risiko bedeutete: Denn die Lebenserwartung der Deutschen steigt und steigt – der Trend war aufseiten der Branche.

Aus und vorbei. Wenn in Zukunft vorrangig Rentenversicherungen unters Volk gebracht werden, dann wächst das Risiko in den Büchern der Versicherer. Was bei der Kaptiallebensversicherung vorteilhaft ist, verkehrt sich bei der Rentenversicherung ins Gegenteil. Denn bei der "Rente, die nie ausgeht" (Allianz-Werbeslogan) kostet jedes zusätzliche Jahr Lebenserwartung viel Geld – es muss schließlich ein Jahr länger Rente an die Kunden gezahlt werden.

Der Unterschied: Bei einer Kapitallebensversicherung besteht für die Gesellschaft das Risiko darin, dass der Kunde vorzeitig, also vor dem vereinbarten Ablauf, stirbt. Dann wird sofort die Versicherungssumme fällig, auch wenn bis dahin nur wenig davon durch Prämien angespart wurde. Bei einer Rentenversicherung wiederum trägt die Gesellschaft das Risiko, dass der Kunde lang lebt. In die Rentenversicherung zahlt der Anleger in der Regel während seiner Berufstätigkeit regelmäßige Sparraten ein und bekommt im Ruhestand monatlich feste Auszahlungen – bis zum Tod. Stirbt er, erhalten die Hinterbliebenen die bis dahin eingezahlten Beiträge inklusive Zinsen. Mindestens die garantierte Rente, die sich wie bei der Kapitallebensversicherung aus einer Mindestverzinsung der Sparanteile ergibt, muss die Gesellschaft lebenslang zahlen.

Schon zwei Mal in jüngster Zeit wurden die Lebensversicherer bei den Privatrenten aber von zu kurzsichtigen Kalkulationen eingeholt. So fühlten sich bereits Mitte der neunziger Jahre zahlreiche Kunden düpiert. Obwohl die Lebensversicherer wussten, dass wegen gestiegener Lebenserwartung die Privatrenten geringer ausfallen würden, bekamen Kunden noch alte Tarife verkauft. Kurze Zeit nach Vertragsschluss wurde dann teilweise drastisch gekürzt. Einige Kunden erstritten daraufhin Schadensersatz. In einem Fall wurde ein Lebensversicherer sogar verurteilt, die prognostizierte Rente tatsächlich zu zahlen.

Jetzt müssen die Gesellschaften schon wieder ihre Sterbetafeln austauschen. So nennt sich das Statistikmaterial, mit der die voraussichtliche Dauer der Rentenzahlung berechnet wird. "Ein 65-Jähriger hatte vor zehn Jahren eine Rest-Lebenserwartung von 21 Jahren", heißt es dazu in Positionen, dem Verbandsorgan der Versicherungswirtschaft. "Nach den neuen Berechnungen ist die Prognose auf 24 Jahre geklettert."

Die Folge: Bei Neuabschlüssen vom nächsten Jahr an müssen die Kunden etwa 10 bis 15 Prozent mehr Prämie für die gleiche Rente zahlen – und bei bestehenden Verträgen erwartet die Kunden eine weitere erhebliche Rentenkürzung. "Nur die garantierte Rente ist wirklich verlässlich", erläutert der Versicherungsmathematiker und Sachverständige Peter A. Schramm, "der Überschussanteil der Rente kann bis auf null gesetzt werden." Der Experte hält Einschnitte bei der Gesamtrente von bis zu 15Prozent für möglich.

Wahrlich ein ungünstiger Zeitpunkt: In den vergangenen Jahren sanken die laufenden Renten bereits wegen der miesen Kapitalerträge der Lebensversicherer, nun kommt noch eine Rotstiftrunde wegen den neuen Sterbetafeln hinzu.

Gut dran sind die Lebensversicherer, die bei ihren Kunden mit Privatrenten überhaupt noch kürzen können. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn manche Lebensversicherer haben bereits ihre Leistungen auf den garantierten Wert gekürzt – weniger geht nicht. "Trotzdem müssen die Gesellschaften natürlich den erhöhten Finanzbedarf für laufende Verträge in der Bilanz durch neue Rückstellungen berücksichtigen", sagt Schramm.