Mein Freund heißt David und ist ein berühmter DJ. Wenn mich jemand fragen würde, könnte ich sagen, dass ich sehr stolz darauf bin, einen berühmten DJ als Freund zu haben. Auch wenn er nicht richtig mein Freund ist, sondern nur ein Freund, aber mein Freund klingt irgendwie schöner, vor allem als erster Satz für einen Text über die Liebe.

Mein Freund David also wohnt in Berlin-Mitte, auch wenn er öfter in Rom, New York oder Tel Aviv ist als zu Hause. Sein Anrufbeantworter spricht Englisch. Überall in seiner Wohnung stehen Platten, und trinkt man einen Espresso in seiner Küche, kann man sich lässig an eine Bar lehnen. Seine Wohnung ist sehr sauber. David ist ein aufgeräumter Mensch.

Vor ein paar Monaten hat David sich in eine Ostdeutsche verliebt. Äußerlich hat er sich nicht verändert. Nur erzählt er jetzt gern Geschichten, in denen Wörter wie "Wandlitz" oder "Ostsee" auftauchen und in denen er stolz ist, dass er jetzt auch mal da war, wo Erich Honecker gewohnt hat. Ich höre ihm gern und geduldig zu, stelle interessiert die eine oder andere Nachfrage und überlege mir, in der Bar, in der wir gerade sind, Champagner zu bestellen.

Ich sollte mit David auf den Fall der Mauer anstoßen, so viel hat sich seitdem verändert: Ostfrauen sind zu einem Statussymbol geworden. Aus allen Ecken tauchen plötzlich Männer auf, die in Frauen aus Thüringen, Sachsen oder Brandenburg verliebt sind. Ostmädchen sind so begehrt wie nie zuvor.

Doch das mit dem Champagner traue ich mich nicht. Es gibt in den ernsten Zeiten von NPD-Wahlerfolgen und Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV nichts Unpassenderes und weniger Cooles, als an das Jahr 1989 zu erinnern.

Aber trotzdem: Die Geschichte der deutschen Einheit ist die Geschichte der Liebe zwischen Ost und West. Nach wie vor, so scheint es, begegnen sich die Deutschen mehr in romantischen Liebesdingen, als dass sie wirkliche Freundschaften pflegten. Wie aber steht es wirklich um die Ost-West-Liebe im 15. Jahr der deutschen Einheit?

Die Fakten sind leider traurig: Schon in der Hauptstadt sieht es nicht gut aus. Nur klägliche 2,1 Prozent aller Berliner Ehen wurden laut Statistischem Landesamt 2000 zwischen Ost und West geschlossen. Das Jahr bildet damit ein kaum zu unterbietendes Rekordtief. Fünf Jahre vorher waren es immerhin noch 3,5 Prozent. Die Berliner heiraten damit weiter in den alten Sektorengrenzen und ziehen Ausländer oder Auswärtige den Brüder und Schwestern von jenseits der Mauer vor. 2000 endet diese Statistik.

Zum Glück, möchte man fast sagen. Eine Studie der Leipziger Universität hat in diesem Sommer noch Schlimmeres offenbart: Nur jeder achte westdeutsche Mann in Ostdeutschland lebt in einer Beziehung. Wessis in Weimar, Rostock oder Dresden finden einfach keine Frauen. Sie vereinsamten dramatisch und schätzten sich selbst missmutiger und depressiver ein, als die Ostdeutschen im Westen es tun.