DIE ZEIT: Herr Most, lassen Sie uns über Karl Marx reden.

Edgar Most: Gerne. Ein großer Denker und Philosoph. Eine seiner Fragen lautete: Wie kann man den privaten Reichtum in der Gesellschaft besser verteilen? Daraus entstand seine Theorie von der Gesellschaftung des Kapitals, das Gegenmodell zum Kapitalismus, aber nicht nur in einem Land. Das ist aktuell wie nie. Schauen Sie nach Rüsselsheim und Bochum: Im Kern geht es da auch um diese Frage.

ZEIT: Die Ideen von Marx werden nun mal auf ewig mit dem Scheitern der sozialistischen Wende 1989 in Verbindung gebracht.

Most: Das ist Unsinn. Was er vor 160 Jahren aufgeschrieben hat, kann man nicht damit vergleichen. Was die Sowjetunion und die DDR daraus gemacht haben, das kann man verurteilen. Aber das sind zwei Welten. Als ich mal einen Vortrag an der Universität in Trier gehalten habe, fragte ich: Warum heißt diese Uni nicht Karl-Marx-Universität? Warum nennt ihr sie nicht nach dem bedeutendsten Sohn Triers? Wir Deutsche denken immer nur links oder rechts.

ZEIT: Sie haben den Kapitalismus jahrzehntelang aus der Ferne studiert, er war das große Feindbild. Nach der Wende wurden Sie ein hoher Manager der Deutschen Bank. Wie fällt Ihr Fazit nach 15 Jahren gelebtem Kapitalismus aus?

Most: Mein Fazit? Die Praxis ist schlimmer, als wir uns je in der DDR theoretisch ausmalen konnten. Ich meine damit: Die wenigen Reichen werden reicher und die vielen Armen ärmer.

ZEIT: Das hört sich vernichtend an.