Samuel P. Huntington war ein findiger, pointenreicher Politikwissenschaftler mit verdientem internationalem Renommee. Der Weltbestseller Clash of Civilizations machte ihn 1996 zu einem der meistzitierten Sachbuchautoren rund um den Globus, doch der politologische Ertrag war dünn. Noch enttäuschender ist Who Are We, eine unoriginelle und einseitige Kompilation aus Zensus- und Umfragedaten zum Thema Einwanderung, garniert mit Pauschalurteilen, die gelegentlich an Paranoia grenzen und eine grundstürzende Krise der amerikanischen Nation suggerieren. Das erstaunlich provinzielle Buch zeigt, wie rückständig die USA, oft als Vorreiter der Globalisierung gesehen, diesbezüglich sind.

Huntington, der in Harvard lehrt und das US-Außenministerium berät, schreibt als "Patriot und Forscher", was beim Thema "nationale Identität" die zu befürchtende Schlagseite bewirkt hat. Mit dem Nimbus faktenstarrender Wissenschaftlichkeit wärmt Huntington das Ideologem der christlichen Leitkultur auf und wendet den Kampf der Kulturen nach innen. Ihn ficht nicht an, wie die sozialwissenschaftliche Forschung das im ersten Kapitel grob skizzierte Konzept der nationalen Identität mittlerweile zerpflückt hat. Ungerührt leitet er im zweiten Kapitel das Wir-Gefühl des multikulturellen Amerika aus der Retro-Fiktion einer "anglo-protestantischen Kultur" ab, im umfangreichsten dritten Abschnitt lastet er deren angebliche Zerstörung anpassungsfeindlichen Hispanics, akademischen Multikulturalisten und kosmopolitischen Intellektuellen an, bevor er im vierten Kapitel, nun ganz Patriot, die Heilung der verletzten Nation beschwört.

Diese Zeitdiagnose hat Huntington in den USA den Vorwurf des Rassismus eingebracht, zu Unrecht. Er verweist auf ein echtes Problem: den grundlegenden Wandel der amerikanischen Einwanderungsgesellschaft seit den 1960er Jahren und die Herausbildung transnationaler Gemeinschaften, die sich nicht mehr ein für alle Mal in der neuen Heimat ansiedeln, sondern dank niedriger Grenzschwellen, billiger Transporte und ständiger Kommunikation zwischen Herkunfts- und Ankunftsland pendeln. Damit verbreitet sich Zweisprachigkeit, vor allem in Kalifornien, Florida und Texas, doppelte Staatsangehörigkeiten nehmen zu – Erscheinungen, die man nicht per se als Fest der Diversität feiern kann. Doch für die Komplexität, auch Kreativität heterogener Lebenswelten hat der 1927 geborene Ostküstler wenig Sinn, er verabsolutiert seinen eigenen Bildungs- und Milieuhintergrund und sieht nur den Verfall des American Creed . Sicher hat das altamerikanische Konzept der Assimilation an Kraft verloren, die Selbst-Amerikanisierung der Fremden funktioniert nicht mehr so wie früher; aber Huntington ist blind für den anders gelagerten Patriotismus, den gerade Latinos in den USA an den Tag legen. Der zeigte sich etwa, als auch sie bei Volksentscheiden mehrheitlich gegen illegale Einwanderung und Zweisprachigkeit an Schulen votierten. Huntington ignoriert einschlägige Studien, und es fällt ihm auch nicht auf, wer die protestantische Arbeitsethik in den USA am stärksten am Leben erhält: Einwanderer aus Honduras, Korea oder Nigeria, darunter viele, die in den USA zum evangelikalen Protestantismus konvertiert sind.

Ein trauriges Zeugnis verloren gegangenen Selbstbewusstseins

Was also ein facettenreiches Panoptikum des neuen Amerika hätte werden können, wurde zu einem altkonservativen Manifest gegen Immigration, ein "Pat Buchanan mit Fußnoten", wie der liberale Alan Wolfe bissig bemerkt, in Anspielung auf den Kultur- und Wirtschaftsprotektionisten von ganz rechts, der die Idee der langen Mauer an der Grenze zu Mexiko in die Welt gesetzt hat. Francis Fukuyama ist froh, wenn das Thema dem populistischen Demagogen nicht allein überlassen bleibt, aber auch er distanzierte sich von Huntington und warnte vor einer Verteufelung der Einwanderung aus dem Süden. Diese Verwerfungen im konservativen Lager sind das eigentlich Interessante an dem Buch: Seine seriösen Vertreter bestreiten die Existenz einer homogenen anglo-protestantischen Herkunftskultur und bestreiten auch nicht die katholischen, jüdischen und sonstigen Beiträge zur amerikanischen Nationsbildung, während Huntington – nahe am reaktionären Nativismus des 19. Jahrhunderts, vor dem er doch warnt – die USA nicht mehr als Einwanderungsland sieht, sondern als klassische Siedlungskolonie.

Aufschlussreich für die Spannungen im konservativen Lager ist auch Huntingtons Absage an ein weltoffenes Amerika; wirtschaftliche Globalisierung lehnt er ab, und US-Unternehmer verachtet er, weil sie die Produktion ins Ausland verlagern. Dass Neokonservative Amerikas Hegemonie zum Imperium ausbauen wollen, ist nicht in seinem Sinne, auch nicht die Vorstellung, man müsse dem Rest der Welt amerikanische Werte vermitteln; nur die Feindschaft von Muslimen kommt ihm zupass, ermutigt sie doch angeblich die religiöse und kulturelle Renaissance Altamerikas.