Das Unzeitgemäße, das Extreme, die Zumutung dieser Welterfahrung, von der zu berichten ist, enthüllt sich beim ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe von Lettre International, dem Magazin, das jüngst und schon zum zweiten Mal der sogenannte Ulysses Award 2004 für die Kunst der Reportage verliehen hat, im Namen einer international besetzten Jury. Ein Preis, der nicht weniger anstrebt, als der Nobelpreis der Journalisten zu sein! Jetzt finden wir 56 großformatige Seiten, einen Abdruck der sieben Finalisten dieses Wettbewerbes, Auszüge aus ihren Büchern. Textseite um Textseite, dreispaltig Kleingedrucktes, unerbittlich über die Seiten fließende Buchstaben, ohne grafische Nettigkeiten gemilderte Lesewelten, so ist Lettre, buchstabentreu, auch wenn es in diesem Magazin Bilder gibt, sogar seitenhohe anmutige Aquarelle afrikanischer Frauen. Aber Lektürezeit, Stunden der Vertiefung, das krasse Sich-Aussetzen der Erfahrung des Anderen werden schon verlangt für Lesereisen in die Randzonen, Abgründe, Vorhöllen dieser Welt.

Die Reporter führen uns in die weißen Zonen der Wahrnehmung

Ein elendes Kaff in China. Ein Fußballplatz in Ruanda, wo sich die Totschläger versammeln, die Hunderttausende abschlachten, ein Krankenhaus in einer ausgedörrt-braunen Landschaft von Haiti. Dornengestrüpp in der Wüste vor Tanger, wo jene sich verkriechen, die es nicht schaffen, die Meerenge zu überwinden, die sie von uns trennt, wo sie in Erdlöchern hausen und krepieren, am Rand unserer Welt, wo "täglich Tote, vom Meer ausgespuckte Leichen" zu vermelden sind, wie der Laudator der Preisträger, der Tunesier Abdelwahab Meddeb, es im Oktober sagte. "Wie Opfer, die einem unersättlichen Gott dargebracht werden, der seinen Anteil fordert, in einem Opferkult, dessen Priester die Menschenschmuggler sind…" Nur: Wer, und wo, ist Gott?

Solche philosophischen Rückzugsfragen sind nicht die Sache dieser Autoren, im Gegenteil. Sie werfen sich nach vorne auf der Suche nach dem, was vom Leben versteckt liegt in jenen Nischen, die in der Gemengelage von medial überbildertem Kosmos, touristisch planierten Wellness-Zonen und globaler Standortdebatte als weiße Zonen, No-go-Areas, entstanden sind. Wie findet man diese Nischen? Wie kommt man da hin? Der New Yorker Pulitzer-Preisträger Tracy Kidder beschreibt es so: "Auf haitischen Landkarten sieht die Straße, auf der wir fuhren, der National Highway 3, wie eine große Verbindungsstraße aus, und tatsächlich ist sie die gwo wout la, die einzige große Straße über die zentrale Hochebene, eine schmale Aschenbahn, zum Teil von Felsbrocken übersät oder bis zum unebenen Grundstein erodiert und streckenweise mit Boden, der während der Regenzeit wohl schlammbedeckt, jetzt aber zu ausgefahrenen Rinnen zusammengebacken war und dazu gemacht schien, Reifen, Hufe und Füße zu malträtieren."

Gebremst, geduldig verweilend, skrupulös betrachtend, sich aussetzend, genauestens beschreibend, im besten Sinne also umständlich, weil alle Umstände abwiegend, so führt uns Tracy Kidder in das Dorf Cange, zu dem Hospital, das für eine Million Menschen der einzige Anlaufpunkt ist, am Ende einer solchen Straße eine Klinik mit nur 70 Mitarbeitern und jenem amerikanischen Arzt und Anthropologen Paul Farmer, der hier alles gibt, statt priviliergt in Harvard zu residieren. Er ist der Held von Kidders Reportage, die den zweiten Preis des Ulysses Award erhielt (und 30000 Euro).

Über Monate haben sich die Reporter Chen Guidi und Wu Chuntao in den Dörfern der chinesischen Bauern aufgehalten, Minute für Minute, Dokument für Dokument rekonstruiert, mit radikaler Rechtschaffenheit dargelegt, was Korruption, mafiose Verstrickungen, Mord im großen Reich angerichtet haben, für dessen Befreiung von Willkür in der großen Revolution Millionen starben. Heute führen die Journalisten, die ersten Preisträger des Ulysses Award, 50000 Euro Anerkennung, den Philosophen der Han-Dynastie als Zeugen an: "Der Welt Sorge ist nicht kein Gesetz, ihre Sorge ist kein zu befolgendes Gesetz." Eine Einsicht, mit der auch unsere ach so zivilisierten Länder kämpfen.

Zuhören erweist sich als Respekt vor der Würde des Menschen

Man könnte diese Reportagen als widerständige Slow-Movement-Schreibkultur vorstellen, vielleicht als Antithese zu jenen Reisen, die heute so viele um den Globus spülen und so schrecklich unverändert zurückkehren lassen. Hinfahren, bleiben, aufschreiben also, als Form des Respekts. Selbst gegenüber Kindersoldaten und ihren Gräueltaten. Zuhören, eine Anerkennung dessen, was so schnell das Recht auf Menschenwürde genannt wird. Man möchte Einwände geltend machen, wenn die Reportage zur Literatur strebt, von Gerüchen oder Mienenspiel die Rede ist, in vergangenen Zeiten, ohne Angaben von Quellen, oder wenn wieder bejammert wird, wie selten man etwas über Afrika höre, langweilig und unwahr. Aber welche Petitesse angesichts der erstaunlichen Leseerfahrung, dass die Distanz, die jene Reporter zu ihren bestürzenden Erfahrungen zurücklegten, gleichzeitig die Entfernung beschreibt, in die wir uns mit den Diskussionen um Wohlstand, Sicherheit, Ansprüche zu den existenziellen Fragen des Lebens manövriert haben.