20:30 Uhr - Der Hamburger Kiez in St. Pauli ist so gut wie leergefegt. Dienstagabend. US-Wahlnacht. In der Kneipe "Glanz und Gloria" in Schmidts Tivoli versammeln sich am frühen Abend Amerikaner, Touristen und natürlich Hamburger, um auf CNN die Wahlnacht live zu verfolgen. Der amtierende Präsident des FC St. Pauli hat eingeladen: Corny Littmann. Im schwarzen Anzug und mit US-Flagge geschmücktem Zylinder schaut er wie seine Gäste gespannt auf die Leinwand. Die flimmert ohne Ton, dafür tönen Bruce Springsteen und Gloria Gaynors "I will survive" aus den Boxen. Welcher Kandidat würde die Nacht nicht überleben? Ein Amerikaner aus Florida hofft trotz "Fifty-Fifty-Chance" auf "Kerry, of course". Und trinkt dabei einen speziellen "Kerry On"-Cocktail.

01:00 Uhr – Bush 0 : 0 Kerry
Würde Präsident Bushs Herausforderer die Wahl gewinnen, so wäre er nicht nur der 14. Demokrat, der es ins Weiße Haus schafft, sondern auch der 17. Senator und der 27. Anwalt, der es zum höchsten Amt gebracht hat. "We don’t know yet. We don’t have enough information" , verkünden die amerikanischen Kommentatoren auf CNN alle paar Minuten. Bloß keine falschen Aussagen machen wie beim letzten Mal. Die so genannten Swing und Battleground States Pennsylvania, Ohio und Florida lassen die Spannung enorm steigen, denn hier schließen die Wahllokale zuletzt.

02:00 Uhr – Bush 66 : 77 Kerry
Die ersten Entscheidungen fallen. Bush gewinnt die Wahlmänner in West Virginia. Während das amerikanische Fernsehen - weitaus vorsichtiger, als vor vier Jahren – Prognosen abgibt, sitzt George W. Bush im Weißen Haus im Kreis seiner Familie, schaut zu und lässt sich filmen. In Boston kämpft John F. Kerry in der Zwischenzeit noch um wertvolle Wählerstimmen. Seine Tochter Vanessa wird später in einem Interview verkünden, dass auch sie "für genau die Führung kämpft, die Amerika verdient hat". Zudem sei die Wahl ihres Dads "probably the best vote I ever made".

02:40 Uhr – Bush 102 : 77 Kerry
Der Präsident gewinnt auch South Carolina. Währenddessen sitzt Talkshow-Urgestein Larry King im CNN-Studio und fragt in die Runde: "What are you worried about?" Die Gäste im Tivoli lachen ihn von Deutschland aus aus. Natürlich fürchten die meisten hier eine Wiederwahl Bushs. "Vote Kerry and Edwards" steht auf vielen Buttons an den Hemdkragen. "Das kleinere Übel" und "keine andere Alternative" zwar, aber "Bush muss weg!", sind sie sich einig.

03:03 Uhr – Bush 155 : 112 Kerry
Kerry siegt in den wichtigen Oststaaten New York, District of Columbia und Connecticut. Das "Race for the White House" ist in vollem Gang. Im Tivoli wird zwischen salzigem Popcorn und Kerry-Cocktails wild diskutiert, Kamerateams und Radiosender befragen immer dieselben Menschen nach ihren Favoriten. Die ersten Gäste gehen nach Hause - trotz immer noch offenem Wahlausgang.

03:31 Uhr – Bush 164 : 112 Kerry
"Is anyone down?" Wäre einer der Kandidaten an diesem hoffnungslosen Punkt angelangt und würde öffentlich an seinem Sieg zweifeln, so hätte das sichere psychologische Auswirkungen auf die Wähler. Deswegen: "Keep the spirits up!", erläutert Larry King live auf CNN. Denn immer noch gilt: "Both sides insists it’s very close".

04:04 Uhr – Bush 179 : 112 Kerry
Das Tivoli leert sich langsam, doch der Stimmung tut das kaum Abbruch. Eine Verlosung unter allen Anwesenden beschert vornehmlich den amerikanischen Gästen Theatergutscheine für die "Heiße Ecke". "Kerry on!"

04:10 Uhr – Bush 185 : 112 Kerry
Bis jetzt wurden 33 Staaten ausgezählt. Der amerikanische Journalist Bob Woodward rät: "When in doubt leave it out!" Die Devise im Newspaper Business sollte man sich hier zu Herzen nehmen, denn noch sei gar nichts sicher. Auf seine Intuition sei kein Verlass und "We have a good reason to be careful. Let’s wait and see".

04:17 Uhr - Bush 196 : 112 Kerry
Rudolph Guiliani ist sich dagegen weitaus sicherer. Wenn Bush gewinnt, sei man gut damit beraten, einige Demokraten ins Kabinett zu holen. Natürlich gelte das auch umgekehrt. Und gefragt, ob er auch einen Job für den Präsidenten machen würde, antwortet er: "You never say no to the President of the United States". Vor allem für Bush empfinde er "a tremendous respect. God bless him".

04:49 Uhr – Bush 196 : 133 Kerry
In 39 Staaten wurden nun die Wahlmänner errechnet. Erstaunlich ist, dass trotz über 40 Auftritten vom Präsidenten der Swing State Pennsylvania an seinen Konkurrenten fällt. Kerry ist die Ost- und Westküste nahezu sicher, der Mittlere Westen ist dagegen vorwiegend republikanisch.