Was mag – eine Frage zu stiller Stunde – von der Kanzlerschaft Gerhard Schröders in 100 Jahren geblieben sein? Der Ausstieg aus dem Sozialstaat? Aus dem Atomstaat? Auf jeden Fall der Abschied der SPD vom demokratischen Sozialismus, das scheint gewiss. Denn wie sprach der Kanzler und damalige Parteivorsitzende im August 2003 in ein Mikrofon des Deutschlandfunks: "Ich glaube, dass man aufpassen muss, dass man nicht Formeln benutzt, die keinen wirklichen Inhalt haben. Also, der Begriff des demokratischen Sozialismus legt ja nahe, dass es eine Form der Ökonomie geben könnte, die anders als marktwirtschaftlich ist und dass die vernünftig wäre. Und ich glaube, dass die Erfahrungen im letzten Teil des vergangenen Jahrhunderts zeigen, dass dem nicht so war."

Der demokratische Sozialismus – als Irrlehre aus der Partei der Mitte verbannt. Abgeschoben auf die linke Reste-Rampe, zur PDS und zu den Sekten und Sektierern am Rand. Doch was gewiss keiner unserer wackeren, neuerdings historisch ostentativ desinteressierten Sozialdemokraten ahnt: Die Idee des demokratischen Sozialismus ist viel älter als die Partei, als die Sozialdemokratie oder die Arbeiterbewegung. Ein unscheinbarer Philosoph aus der Lausitz, Professor an der Ritterakademie in Dresden, hat sie um 1800 als Erster gedacht und in moderner Gestalt formuliert. Seine verblüffenden Texte bieten auch heute noch Anregung, in einer Zeit, in der die Reflexe der so genannten Globalisierung tatsächlich mit derselben Wucht und Naturnotwendigkeit herrschen wie seinerzeit in Deutschland die Fürsten von Gottes Gnaden.

Demokratie, Sozialismus und Marktwirtschaft: Das alles wollte Johann Adolph Dori zusammenbringen – unter der Herrschaft der Serenissimi in über 300 deutschen Territorien eine ziemlich revolutionäre Perspektive. Doch der Geschichtsoptimismus eines Condorcet, der selbst im Angesicht der Guillotine an seinem Fortschrittstraum festhielt, beseelte auch ihn: "Die Welt ist, die beste Welt wird."

Geboren wurde Dori in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts, das genaue Datum kennen wir nicht, als Sohn eines Försters in Sorno. Das wendische Dorf zwischen Cottbus und Dresden nahe Senftenberg gibt es seit 1970 nicht mehr, es fiel dem Braunkohletagebau zum Opfer, selbst die dortigen Kirchenbücher sind verloren.

Der junge Dori muss eine gute Ausbildung erhalten und später Nationalökonomie und Philosophie studiert haben, möglicherweise in Jena. 1798 und 1799 veröffentlichte er in Leipzig seine beiden Hauptwerke: den – im Anschluss an Kant – ein eigenes idealistisches Philosophiesystem entwickelnden Band Über das höchste Gut und dessen Verbindung mit dem Staate sowie die konkrete nationalökonomische Anwendung dieser Philosophie: Materialien zur Aufstellung einer vernunftmäßigen Theorie der Staatswirtschaft.

Angesichts des hochkomplexen Kommunikationssystems, als das wir den deutschen Idealismus inzwischen wohl am zutreffendsten beschreiben können, stellt sich natürlich die Frage, wo Dori in diesem Netzwerk zu verorten wäre. Dieser Zusammenhang, von dem Münchner Philosophen Dieter Henrich in seinem jüngst erschienenen und viel gefeierten Monumentalwerk Grundlegung aus dem Ich als "Konstellation" bezeichnet, verlangt eine mikroskopisch genaue Ausdeutung, für die uns bei Dori die biografischen Daten einfach fehlen. Es liegt nahe, seine Philosophie "irgendwo zwischen Kant und Fichte" anzusiedeln, doch ist er ein Denker von robuster Eigenständigkeit.

So lässt sich etwa der Einwand, Doris Philosophie sei epigonal "fichteanisch", kaum aufrechterhalten. Während Fichte vorgehalten wurde, in seiner gesamten Philosophie würden "Staat und Gesellschaft vorübergehende und fragwürdige Organisationen sein, die nach Belieben aufgebaut und abgeschafft werden können" (wie Hajo Holborn in seiner Deutschen Geschichte der Neuzeit von 1964 schreibt), kann man bei Dori gerade die "Übertreibung der Staatsidee" kritisieren. So auch geschehen in der kurzen, reichlich feindseligenTons verfassten biografischen Notiz in der Allgemeinen Deutschen Biographie (1877), einer der wenigen Darstellungen seines Lebens. Außerdem: Fichtes Schrift Über den geschlossenen Handelsstaat erschien im Jahr 1800 – also nach Doris beiden Hauptwerken!

Das Recht auf Eigentum und das Recht auf Arbeit