Die deutschen Energiepolitiker führen eine gespenstische Debatte. Assistiert von Ökofunktionären und Energiemanagern, streiten sie fast täglich über die falschen Themen: über den Atomausstieg und über die Windenergie, über hiesige Steinkohle und über Erdgas aus Sibirien, über das Zeitalter des Wasserstoffs und über Sprit vom Acker, über alte und neue, vermeintlich gute und vermeintlich schlechte Energiequellen.

Welches Problem wollen die Energiepolitiker mit diesem Streit eigentlich lösen?

Wollten sie die Energieversorgung ernsthaft sicherer, wirtschaftlicher und umweltverträglicher gestalten, müssten sie mehr als über jedes andere Thema über Energieeffizienz streiten. Darüber, was zu tun oder zu lassen ist, um aus einer Kilowattstunde Strom, aus einem Liter Benzin, aus einem Kubikmeter Erdgas mehr herauszuholen: mehr Wärme, mehr Licht, mehr Bewegung – nichts macht die Energieversorgung sicherer und umweltverträglicher. Doch ausgerechnet darüber streiten die Energiepolitiker kaum, in Deutschland ebenso wenig wie anderswo. Die einen sind auf ihre Windräder fixiert, die anderen auf ihre Atommeiler. Wer eine Lanze für effiziente Energienutzung bricht, gilt als Träumer.

Bisher. Denn nun hat sich der Think Tank der Industrieländer, die OECD, zum Kreis der Effizienzapostel gesellt.

Auch wenn all die aufs Energieangebot fixierten Politiker es nicht wahrhaben wollen: Laut dem gerade von der OECD vorgelegten World Energy Outlook 2004 sind es eben nicht vor allem neue Kernkraftwerke, nicht neue Öl- und Gasquellen, nicht allerlei regenerativ erzeugte Energien, mit deren Hilfe die globale Energieversorgung umweltverträglich gesichert werden könnte. Nötig sind vielmehr sparsamere Autos, weniger energiehungrige Häuser, intelligentere Elektromotoren sowie Stromfabriken, die einer Tonne Kohle mehr Elektrizität abtrotzen. Es sind die unscheinbaren technischen Lösungen, die täglichen Entscheidungen von Millionen Konsumenten, die vielen kleinen Schritte, die allein das Zeug haben, ein Problem zu lösen, das immer bedrohlichere Ausmaße annimmt: das globale Energieproblem.

Die Herausforderung besteht weniger darin, dass Kohle, Öl und Gas zur Neige gehen. Es gibt genug davon, auch im Jahr 2030, dem Zieljahr der OECD-Projektionen – selbst dann, wenn die weltweite Nachfrage nach Öl, der wichtigsten Energie, weiter kräftig wächst. Trotzdem bereitet ihr Energiehunger der Menschheit zwei Megaprobleme. Erstens eine gefährlich wachsende Abhängigkeit von immer weniger Staaten im Nahen Osten, die über die noch verbliebenen Ölvorräte verfügen werden. Und zweitens das enorme Wachstum des Ausstoßes von Treibhausgasen, deren Ansammlung in der Erdatmosphäre nach bestem heute verfügbaren Wissen die Lebensbedingungen auf dem Blauen Planeten schwer beeinträchtigen wird.

Um den Klimawandel zu begrenzen, hat sich die Völkergemeinschaft vor mehr als zehn Jahren auf eine Konvention verständigt. Nach langem Ringen wird demnächst sogar das Kyoto-Protokoll in Kraft treten. Doch wie es aussieht, ist die Freude der Klimaschützer darüber naiv. Denn als ob Klima- und Energiepolitiker in zwei verschiedenen Welten lebten, wird laut Trendszenario der OECD der jährliche Kohlendioxidausstoß von gegenwärtig 23 auf mehr als 38 Milliarden Tonnen im Jahr 2030 ansteigen (siehe Grafik). Um die Gletscherschmelze zu bremsen, um die Verschiebung von Vegetationszonen zu verlangsamen, um der Häufung von Dürren und Fluten zu begegnen, müsste er sinken.

Das tut er zwar auch nach dem Alternativszenario der OECD nicht; selbst nach diesem Kalkül, dem eine etwas weniger beängstigende Politik zugrunde liegt, ist er aus Sicht des Klimaschutzes inakzeptabel hoch. Aufschlussreich ist gleichwohl, worauf nach dem alternativen Rechenwerk der immerhin gebremste CO2-Anstieg zurückzuführen ist: Es gibt zwar ein paar Kernkraftwerke mehr; auch aus Sonne, Wind und Wasser wird etwas mehr Energie gewonnen.