Wo Milch und Honig flossen

Unternehmensbosse fürchten seine Briefe. Eliott Spitzer fordert darin Einblick in ihr Geschäftsgebaren, und die Folgen sind in der Regel teuer. Kaum eine Branche ist sicher vor dem Generalstaatsanwalt von New York auf seinem Kreuzzug gegen laxe Moral und Abzocker in der Wirtschaft: Spitzer, der sich 2006 gern zum Gouverneur von New York wählen lassen möchte, ging bereits gegen Banken, Fondsgesellschaften, Pharmafirmen, Luxusgastronomen, Energieversorger und Musikproduzenten vor. Doch seine bisherigen Aktivitäten verblassen angesichts seines jüngsten Schlages gegen die Assekuranz. Die Ermittlungen des ehrgeizigen New Yorker Behördenchefs dürften die Multimilliardenbranche nachhaltig verändern.

Mitte Oktober verklagte Spitzer den weltgrößten Versicherungsvermittler Marsh & McLennan wegen Provisionsschneiderei. Sein Vorwurf: Statt das beste Angebot für den Kunden herauszusuchen, habe sich der unehrliche Makler nach der Höhe der Provision gerichtet, die er von dem jeweiligen Versicherer erhielt. In seiner Klage nannte der Generalstaatsanwalt als beteiligte Assekuranzunternehmen fast alles, was in der US-Sachversicherung Rang und Namen hat: American International Group (AIG), Ace, Hartford sowie Munich American Re, eine Tochter der Münchener Rückversicherung. Das schlug an den Finanzmärkten ein: In den Tagen nach Spitzers Pressekonferenz verloren die Assekuranzunternehmen mehr als 40 Milliarden Dollar an Marktwert. Die Marsh-Aktie allein stürzte um fast 45 Prozent. Ein Ende ist vorerst nicht in Sicht, denn Spitzer hat inzwischen seine Nachfragen auf die Lebensversicherer ausgedehnt, wobei auch europäische Anbieter wie die niederländische ING Gruppe Post von ihm bekam.

Spitzers Ermittler förderten entlarvende E-Mail-Botschaften zutage. Selbst vor Betrug schreckten manche Vermittler offenbar nicht zurück. In den Mails forderten Marsh-Makler unter anderem Versicherer auf, Scheingebote abzugeben. Damit sollte dem Kundenunternehmen, das Policen abschließen wollte, vorgespiegelt werden, es habe ein Wettbewerb um den Auftrag stattgefunden. In Wirklichkeit stand längst fest, welcher Versicherer den Zuschlag erhalten würde.

In einem Fall bat ein Mitarbeiter von Marsh & McLennan seinen Ansprechpartner bei der Munich American Re, doch für ein geplantes Treffen mit einem potenziellen Kunden einen Vertreter hinzuschicken, der zum Schein ein Gebot abgeben solle. Er brauche dafür einfach "einen lebenden Körper", witzelt der Marsh-Makler. "Vielleicht könnt ihr ja euren Hausmeister schicken."

Die Mehrkosten gehen in die Milliarden

Marsh hat inzwischen eine interne Aufräumaktion angekündigt und verzichtet künftig auf die von Spitzer angeprangerten Provisionen, was ein schmerzhafter Einschnitt ist. Immerhin rund 845 Millionen Dollar – bei einer von Analysten geschätzten Gewinnmarge von 80 Prozent – nahm Marsh im vergangenen Geschäftsjahr mit diesen Zahlungen ein. Sie tragen zwar nur sieben Prozent zum Konzernumsatz bei, machen aber rund dreißig Prozent des operativen Konzerngewinns aus. Wie sonst üblich kassiert man für die Vermittlung auch noch einen Prozentsatz der Versicherungsprämie sowie eine Servicegebühr vom Versicherungsnehmer.

Auch der Konkurrent Aon will künftig die umstrittenen Bonuszahlungen der Versicherer nicht mehr kassieren – damit fehlen am Ende des Jahres immerhin 150 bis 200 Millionen Dollar in der Kasse. Wie die Makler diese Einkommensverluste wettmachen wollen, ist noch weitgehend unklar. "Ich kann Ihnen nicht Dollar für Dollar sagen, wie wir das auffangen werden", räumte Mike Cherkasky vergangene Woche vor Journalisten ein. Cherkasky – der keine Assekuranzerfahrung hat – wurde vom Aufsichtsrat über Nacht an die Marsh-Spitze berufen. Der ehemalige staatliche Ermittler war früher Spitzers Vorgesetzter und soll nun den angeschlagenen Konzern retten. Eine Alternative wäre, die bisherigen Gebühren, die Versicherungsnehmer für den Vermittlungsservice zahlen, zu erhöhen. "Für Marsh zumindest dürfte sich das angesichts des Misstrauens der Kunden und des Imageschadens schwierig gestalten", stellten jedoch die Aktienanalysten der Investmentbank Merrill Lynch in einer Studie fest.

Das Problem der Interessenkonflikte geht allerdings tiefer. Marsh & McLennan wie auch die anderen großen Versicherungsmakler Aon und Willis sind an diversen Versicherungsunternehmen beteiligt. Marsh etwa hält Anteile an Ace sowie an Assekuranzunternehmen wie Axis oder XL Capital. Über die Tochtergesellschaft MMC Capital hat der Konzern seit Mitte der achtziger Jahre außerdem mehr als zwei Milliarden Dollar in die Branche investiert. Außerdem verwaltet MMC Beteiligungsfonds, die weltweit Milliarden in Assekuranzunternehmen anlegen. Die Beteiligungen an sich sind nicht illegal. Doch Spitzers Truppe untersucht laut jüngsten Berichten, ob das Maklerunternehmen überproportional viele Geschäfte an jene Versicherer vermittelt hat, an denen es Anteile hält. Ins Visier der New Yorker Fahnder sind auch die Rückversicherer geraten, sozusagen die Versicherer der Versicherer. Derzeit überprüfen sie, ob Aon – weltweit Makler Nummer zwei nach Marsh & McLennan – möglicherweise Kundenaufträge an Versicherer gesteuert hat, die im Gegenzug Aon mit der – lukrativen – Vermittlung der Rückversicherungsdeckung beauftragten.

Wo Milch und Honig flossen

Eine Familie leitete drei der am Skandal beteiligten Konzerne

Ebenso komplex und engmaschig wie die Geschäftsbeziehungen sind die persönlichen Bande in der Branche. Fast lässt sich bei dem Skandal von einer Familienaffäre sprechen: Jeffrey Greenberg saß bis zu seinem erzwungenen Rücktritt vor fast zwei Wochen auf dem Chefsessel von Marsh & McLennan. Sein jüngerer Bruder Evan Greenberg leitet den Versicherer Ace, wo Angestellte – so ein Vorwurf von Spitzer – an dem Abzocksystem beteiligt gewesen seien. Als sei das noch nicht genug, ist der Vater der Greenberg-Brüder, Maurice Greenberg, seinerseits Vorstandschef bei AIG, dem weltgrößten Unternehmensversicherer. Der Patriarch wird bald 80 Jahre alt und sitzt seit 37 Jahren auf dem AIG-Chefsessel. Zwei seiner Manager haben sich bereits des Betrugs und der Manipulation schuldig bekannt und arbeiten mit dem Generalstaatsanwalt zusammen.

Nicht nur bei der Besetzung von Vorstands- und Aufsichtsratssesseln bleiben die Assekuranzleute gern unter sich. Die Trennwände zwischen Aufsicht und Versicherern sind von beiden Seiten durchlässig. So trat Ernst Csiszar vor kurzem als Präsident der National Association of Insurance Commissioners (NAIC), der US-Bundesversicherungsaufsicht, zurück und wechselte zum Branchenlobbyisten der Schadens- und Unfallversicherer, der Property and Casualty Insurance Association. Seine Nachfolgerin Diane Koken kommt vom Lebensversicherer Provident Mutual Life Insurance. Dort arbeitete sie als Hausjustiziarin und Vizepräsidentin.

Über den von Spitzer aufgedeckten massiven Vertrauensbruch der Makler müssten sich an erster Stelle die Versicherungsnehmer aufregen. Doch deren Reaktion fällt auffällig zahm aus. "Wir sind beunruhigt über die erhobenen Vorwürfe wegen angeblicher illegaler Machenschaften. Aber es sind bisher nur Vorwürfe", sagt Nancy Chambers, die Vorsitzende von RIMS, dem Interessenverband der Risikomanager. Diese arbeiten bei Unternehmen in den unterschiedlichsten Branchen und kaufen unter anderem Versicherungsdienstleistungen ein – sei es für die Ölbranche oder die Autoindustrie. Zwar wussten die Risikomanager um die Provisionszahlungen der Versicherer an die Makler. Aber sie wussten in der Regel nicht, wie viel der Makler bekam. Unbequeme Nachfragen gab es praktisch nie. "Risikomanager sehen in ihrem Makler eine Vertrauensperson, eine Verlängerung ihrer eigenen Organisation", stellte eine Umfrage fest, die vom US-Berufsverband durchgeführt wurde – mit freundlicher Beteiligung durch Marsh & McLennan. Auch sonst unterstützen Vermittler und Versicherer die Risikomanager nach Kräften, etwa indem sie Golfturniere und Veranstaltungen auf Ferieninseln wie Bermuda oder Honolulu sponsern. "Sie erreichen Tausende Entscheider aus dem Risikomanagement mit Ihrer Unternehmensbotschaft", lockte der US-Verband RIMS Sponsoren für die Jahresversammlung in San Diego in diesem Frühjahr. Das ließen sich die Unternehmen nicht zweimal sagen: Von den Kaffeebechern, die der US-Versicherer Ace bezahlte, bis zum Galaempfang, den Aon ausrichtete, fanden sich finanzstarke Partyhelfer.

Dazu kommt die Macht der Gewohnheit: Oft sind die betreffenden Unternehmen schon seit Jahrzehnten von ein und demselben Maklerunternehmen betreut worden. Der jeweilige Risikomanager übernimmt die Kontakte von seinem Vorgänger. "Bei großen US-Konzernen gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten – entweder ist Marsh der Makler oder Aon", berichtet Andrew Barile, ein Unternehmensberater in Versicherungsfragen,der seit 40 Jahren tätig ist.

Entscheidend für den vertrauten Umgang zwischen Maklern und Unternehmen ist nicht zuletzt die Risikoscheu der Risikomanager. "Die Makler vereinfachen den Job der Risikomanager. Wer den Makler hinterfragen will, muss sich selbst mit den höchst komplexen Produkten und Anbietern gut auskennen", sagt Berater Barile.

In letzter Instanz sind die Finanzvorstände der Unternehmen für den Versicherungseinkauf verantwortlich. Bei Lohnkosten prüfen sie jeden Cent. Bei Policen scheinen die Topmanager mit einem nicht ganz so spitzen Bleistift zu rechnen. Dabei geht es nicht um Kleingeld: Allein der Markt für Unternehmenssachversicherungen ist über 170 Milliarden Dollar groß. Ein Unternehmen berichtete dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes, es hätte 45 Prozent sparen können, wenn es seine Haftpflichtpolicen für Vorstand und Aufsichtsrat über einen anderen Makler als Marsh abgeschlossen hätte – beim gleichen Versicherer.