Eine Familie leitete drei der am Skandal beteiligten Konzerne

Ebenso komplex und engmaschig wie die Geschäftsbeziehungen sind die persönlichen Bande in der Branche. Fast lässt sich bei dem Skandal von einer Familienaffäre sprechen: Jeffrey Greenberg saß bis zu seinem erzwungenen Rücktritt vor fast zwei Wochen auf dem Chefsessel von Marsh & McLennan. Sein jüngerer Bruder Evan Greenberg leitet den Versicherer Ace, wo Angestellte – so ein Vorwurf von Spitzer – an dem Abzocksystem beteiligt gewesen seien. Als sei das noch nicht genug, ist der Vater der Greenberg-Brüder, Maurice Greenberg, seinerseits Vorstandschef bei AIG, dem weltgrößten Unternehmensversicherer. Der Patriarch wird bald 80 Jahre alt und sitzt seit 37 Jahren auf dem AIG-Chefsessel. Zwei seiner Manager haben sich bereits des Betrugs und der Manipulation schuldig bekannt und arbeiten mit dem Generalstaatsanwalt zusammen.

Nicht nur bei der Besetzung von Vorstands- und Aufsichtsratssesseln bleiben die Assekuranzleute gern unter sich. Die Trennwände zwischen Aufsicht und Versicherern sind von beiden Seiten durchlässig. So trat Ernst Csiszar vor kurzem als Präsident der National Association of Insurance Commissioners (NAIC), der US-Bundesversicherungsaufsicht, zurück und wechselte zum Branchenlobbyisten der Schadens- und Unfallversicherer, der Property and Casualty Insurance Association. Seine Nachfolgerin Diane Koken kommt vom Lebensversicherer Provident Mutual Life Insurance. Dort arbeitete sie als Hausjustiziarin und Vizepräsidentin.

Über den von Spitzer aufgedeckten massiven Vertrauensbruch der Makler müssten sich an erster Stelle die Versicherungsnehmer aufregen. Doch deren Reaktion fällt auffällig zahm aus. "Wir sind beunruhigt über die erhobenen Vorwürfe wegen angeblicher illegaler Machenschaften. Aber es sind bisher nur Vorwürfe", sagt Nancy Chambers, die Vorsitzende von RIMS, dem Interessenverband der Risikomanager. Diese arbeiten bei Unternehmen in den unterschiedlichsten Branchen und kaufen unter anderem Versicherungsdienstleistungen ein – sei es für die Ölbranche oder die Autoindustrie. Zwar wussten die Risikomanager um die Provisionszahlungen der Versicherer an die Makler. Aber sie wussten in der Regel nicht, wie viel der Makler bekam. Unbequeme Nachfragen gab es praktisch nie. "Risikomanager sehen in ihrem Makler eine Vertrauensperson, eine Verlängerung ihrer eigenen Organisation", stellte eine Umfrage fest, die vom US-Berufsverband durchgeführt wurde – mit freundlicher Beteiligung durch Marsh & McLennan. Auch sonst unterstützen Vermittler und Versicherer die Risikomanager nach Kräften, etwa indem sie Golfturniere und Veranstaltungen auf Ferieninseln wie Bermuda oder Honolulu sponsern. "Sie erreichen Tausende Entscheider aus dem Risikomanagement mit Ihrer Unternehmensbotschaft", lockte der US-Verband RIMS Sponsoren für die Jahresversammlung in San Diego in diesem Frühjahr. Das ließen sich die Unternehmen nicht zweimal sagen: Von den Kaffeebechern, die der US-Versicherer Ace bezahlte, bis zum Galaempfang, den Aon ausrichtete, fanden sich finanzstarke Partyhelfer.

Dazu kommt die Macht der Gewohnheit: Oft sind die betreffenden Unternehmen schon seit Jahrzehnten von ein und demselben Maklerunternehmen betreut worden. Der jeweilige Risikomanager übernimmt die Kontakte von seinem Vorgänger. "Bei großen US-Konzernen gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten – entweder ist Marsh der Makler oder Aon", berichtet Andrew Barile, ein Unternehmensberater in Versicherungsfragen,der seit 40 Jahren tätig ist.

Entscheidend für den vertrauten Umgang zwischen Maklern und Unternehmen ist nicht zuletzt die Risikoscheu der Risikomanager. "Die Makler vereinfachen den Job der Risikomanager. Wer den Makler hinterfragen will, muss sich selbst mit den höchst komplexen Produkten und Anbietern gut auskennen", sagt Berater Barile.

In letzter Instanz sind die Finanzvorstände der Unternehmen für den Versicherungseinkauf verantwortlich. Bei Lohnkosten prüfen sie jeden Cent. Bei Policen scheinen die Topmanager mit einem nicht ganz so spitzen Bleistift zu rechnen. Dabei geht es nicht um Kleingeld: Allein der Markt für Unternehmenssachversicherungen ist über 170 Milliarden Dollar groß. Ein Unternehmen berichtete dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes, es hätte 45 Prozent sparen können, wenn es seine Haftpflichtpolicen für Vorstand und Aufsichtsrat über einen anderen Makler als Marsh abgeschlossen hätte – beim gleichen Versicherer.