Im Saal des Stadtteilzentrums von La Mina tobt das Leben. Dicke Kinder jagen einander um die Raumteiler herum und zertreten dabei einen Schriftzug aus Getreidekörnern, der am Boden ausgelegt ist: "24 t sind nicht 24 Tonnen, sondern 24 Millionen Gramm". Ein paar Meter weiter tritt die Gruppe Play-Back auf, eine Rentner-Initiative aus dem nahe gelegenen Altersheim, deren Mitglieder in wechselnden Kostümen volkstümliche Schlager interpretieren. Die Darbietung wirkt rührend, löst aber beim zerstreuten Publikum zugleich Befremden aus. Denn sie scheint nur wenig mit der Ausstellung zu verbinden, die der eigentliche Anlass des Auflaufes ist.

Wie wollen wir regiert werden? heißt das Projekt, mit dem der deutsche Kurator Roger Buergel in Barcelona gastiert. Hinter der knackigen Frage verbirgt sich zunächst eine dreiteilige Ausstellung, und dahinter wiederum verbergen sich viel Konzept und eine Menge Anspruch. Die singenden Rentner ahnen wohl nur ansatzweise, vor welchem geistigen Horizont sie ihre Lippen bewegen.

La Mina ist ein verrufener Randbezirk von Barcelona. Hier leben viele Gitanos, die Arbeitslosigkeit ist hoch, es herrscht mehr Armut als anderswo in der Stadt. Dass aus dem zwischen Schnellstraßen und Kraftwerken gelegenen Viertel ein so genannter sozialer Brennpunkt wurde, hat auch mit den Nachlässigkeiten des städtischen Managements zu tun. Müssen die Mitbürger vor Ort sich das gefallen lassen? Oder können sie dem "System" kreativ entgegentreten? Und könnte die Kunst dabei mithelfen? Barcelonas sehr progressiv gestimmtes Museum für zeitgenössische Kunst, das Macba, wollte einmal heraus aus seiner musealen Haut und sich dort hinbegeben, wo die Kunst nicht nur nett herumhängen, sondern vielleicht sogar aktuell gebraucht und gemacht werden würde für die politische Agenda. Mit dem Transfer betraute man Roger Buergel, und zwar lange bevor der zum Direktor der kommenden Documenta ernannt wurde.

Buergel besprach sich mit lokalen Initiativen und erarbeitete einen Projektparcours durchs Problemgebiet. Die Ausstellung Wie wollen wir regiert werden? hat je zwei Wochen, in unterschiedlicher Ausstattung, an drei verschiedenen Orten der nordöstlichen Peripherie Halt gemacht: zuerst im Mehrzwecksaal einer Schule, dann in einer ehemaligen Fabrikhalle, schließlich (siehe oben) im Stadtteilzentrum. An jedem Ort waren andere Werke zu sehen, und jedes Mal war wenigstens eine Arbeit dabei, die sich auf die lokale Topografie und deren Veränderbarkeit bezog. Damit feststand, dass die Losung nicht lautete: Die Kunst, wie schön, wir staunen! Sondern: Die Kunst, wie engagiert, wir machen’s nach! In gewisser Weise muss man sich das Projekt als eine Art Experiment zur Selbstermächtigung vorstellen. Künstler zeigen, wie man den politischen Diskurs aufmischen kann; die lokalen Akteure lernen davon und tragen die Flamme weiter.

Und weil der kollektive Lernprozess im Grunde wichtiger genommen wird als die Ausstellung selbst, scheut sich Buergel auch nicht, ein Gutteil seines Programms als Remake früherer Ausstellungen anzulegen. Besonders das Beispiel Ex Argentina liegt ihm am Herzen, eine von Alice Creischer und Andreas Siekmann im vergangenen Frühjahr für das Kölner Museum Ludwig konzipierte Schau. An der ersten Ausstellungsstation zeigt er ein kleines Pappmodell der Kölner Räume, an der zweiten Station hängt ein repräsentatives Werk aus dem dortigen Sortiment, der dritte Ort ist schließlich zu mehr als der Hälfte von Ex Argentina- Arbeiten belegt. Creischer/Siekmann waren künstlerischen Protestformen nachgegangen, die auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch in Argentinien folgten. Ihre Recherche scheint Buergel beispielhaft, auch weil er die argentinische Krise als "Modell für die Zukunft der europäischen Mittelschichten" sieht.

Je mehr man sich hineinwühlt in den Überbau und den Unterbau, in die guten Absichten und die klugen Ansichten der beteiligten Künstler von Wie wollen wir regiert werden? , desto überzeugender wirken sie. Nur steht zwischen den Absichten und den Einsichten eine Ausstellung, und deren Überzeugungskraft bleibt weit hinter der des Konzepts zurück. Was Buergel versammelt, sind hauptsächlich hoch komplexe Untersuchungen von der Attraktivität eines Strategiepapiers – kapitalismuskritische Fleißarbeiten mit der Ausstrahlung eines Aktenordners. Eine energische Expedition ins dokumentaristische Dickicht käme womöglich später der eigenen Wendigkeit im Diskursdschungel zugute oder schärfte das Einspruchsdenken. Allein, es fehlt der Anreiz, den analytischen Verästelungen wirklich nachzuspüren. Wir haben ja kein Blockseminar gebucht, sondern besuchen eine Ausstellung. Die möchte uns zwar zum Angriff animieren – verführt aber eher zur Flucht.

Bis zum 7. November; vom 28. November an im MAC in Miami. Weiteres unter http://dieregierung.uni-lueneburg.de/