Welche der beiden Scheren beim Hummer zum kräftigen Knochenbrecher heranwächst, hängt von frühhummerlichen Reizen ab. Nutzt er den rechten Greifer häufiger, wird er zum Rechtsausleger - und umgekehrt. Der Reiz startet ein genetisches Programm, das den jeweiligen Arm wachsen lässt.

Über 200 wissenschaftliche Publikationen sichtete Richard Palmer von der kanadischen University of Alberta in Edmonton. Und immer wieder stieß der Evolutionsbiologe darauf, dass, wie bei den Hummern, die Umweltbedingungen einen elementaren Einfluss auf das Erscheinungsbild eines Individuums haben.

Diese Beobachtung kollidiert jedoch mit dem Konzept der Darwinschen Evolution. Nach Darwin bringt die Natur eine verschwenderische Vielzahl von leicht unterschiedlichen Individuen hervor. Diejenigen, die am besten an die Umweltbedingungen angepasst sind, überleben und pflanzen sich fort. Als die Gene entdeckt wurden, machte man sie für die Vielfalt und die Evolution verantwortlich. Diese Annahme wird durch Palmers Beobachtung zumindest relativiert. Die Form entsteht zuerst, dann folgen die Gene, sagt er.

Fast zeitgleich veröffentlichte der britische Evolutionsbiologe Joseph Tomkins von der University of St. Andrews in Fife ähnliche Beobachtungen.

Tomkins hatte sich auf Nordseeinseln wie Inchmickery, Inchkeith und Craigleith herumgetrieben und überall den Gemeinen Ohrenkneifer Forficula auricularia eingesackt. Auch diese Tiere winkten dem Forscher mit unterschiedlich großen Greifern aus dem Beutel.

Je dichter das Terrain mit den Insekten besiedelt ist, desto größer sind bei einigen Männchen die Kneifer. In ihren Genen ist offenbar eine große Bandbreite an Kneifergrößen vorgesehen, die nach den Bedingungen der Umwelt ausgeprägt werden. Dieses Phänomen wird auch als phänotypische Plastizität bezeichnet. Erst die passende Ernährung gestattet es den Ohrenkneifern, die angelegten Möglichkeiten auch auszunutzen. Für den harten Kampf um die Weibchen wachsen dann einigen Individuen mächtige, acht Millimeter lange Kampfarme, mit denen sie die Konkurrenz besser in die Flucht schlagen können.

Auf entlegenen, kargen Eilanden, wo der Mangel an natürlichen Feinden die Überbevölkerung begünstigt, entstehen Riesenkneifer, deren Zangen mehr als doppelt so groß sind wie die ihrer Kollegen.