Wolfgang Engler lebt in Ostberlin am Prenzlauer Berg, in der Husemannstraße, Nähe Kollwitzplatz, schon zu DDR-Zeiten ein Vorzeigequartier. Inzwischen haben begüterte Westeigentümer viele alteingesessene Bewohner verdrängt. Die Ladenmieten steigen, und wer nicht mithält, muss räumen.

Engler hat sich als Soziologe einen Namen gemacht, aber dass er ein Ostexperte sei, hört er nicht gern. Ihn interessieren alle Formen gesellschaftlicher Veränderung, auch die ihm Westen. Oder glaube jemand, dort bleibe alles beim Alten?

Die Ostdeutschen als Avantgarde heißt ein bekanntes, im Aufbau-Verlag erschienenes Buch von Engler. Der Titel ist ironisch und meint: Die neuen Bundesländer spielen den Vorreiter der gesellschaftlichen Entwicklung, und zwar wider Willen. Das Stück, das im Osten zur Aufführung gelangt, wird bald auch im Westen spielen. Auch dort könnte sich die Landschaft in einen Flickenteppich verwandeln. Hier eine entvölkerte Region mit zerfallenen Häusern, dort ein Wohlstandsgürtel mit Arbeitsplätzen, mit Schulen und urbanem Milieu.

Noch gibt es in diesem Drama keine Spielregeln, noch herrschen Wildwuchs und Desillusionierung ohne Ziel. Die Menschen, sagt Engler, wissen nicht mehr, wohin sie sollen. Gut möglich, dass sie eines Tages rabiat auf sich aufmerksam machen, denn wer abgehängt wird, der wählt die Form der größten Provokation: den Rechtsradikalismus, die Inszenierung des hässlichen Bürgers.

Darin liegt ein Stück tragischer Ironie. Nach dem Fall der Mauer glaubte der Osten, er sei nun glücklich im rheinischen Kapitalismus angekommen. In Wirklichkeit, so Engler, war dieser bereits in Auflösung begriffen, und noch während Helmut Kohl blühende Landschaften versprach, wurden die Sozialsysteme entriegelt. Allerdings - dass die Bundesrepublik zwischen die Mühlsteine der Globalisierung geriet, könne man den Politikern nicht zum Vorwurf machen.

Das ist historische Dialektik und jenseits von Schuld. Doch was man der westdeutschen Elite sehr wohl vorwerfen könne, sei das Gerede von Vollbeschäftigung. Das ist eine deutsche Grundfiktion, das postreligiöse Opium fürs Volk. Für Engler passt dies zum herrschenden Ökonomismus, jener säkularen Religion, die alle Dinge des Lebens als Frage des Geldes behandelt.

Natürlich gibt es kein Zurück zu den alten Verhältnissen, zur Bundesrepublik mit ihrer Beschäftigungsdichte. Engler sagt das ohne den triumphierenden Unterton jener Rechtsintellektuellen, die den Sozialstaat als Sonderweg betrachten, sozusagen als Ablenkung von der natürlichen Härte des Lebens.