Krüger ist Professor für Politische Philosophie an der Universität Potsdam, kennt Engler und Kleinschmidt aus dem Studium und zählte in der DDR zu den intellektuellen Dissidenten, die man am liebsten losgeworden wäre. Er erinnert sich, wie er vor der Wende nach Bielefeld zu einer Diskussion mit Niklas Luhmann eingeladen wurde. Seltsam, man ließ ihn reisen. In seiner Stasi-Akte konnte er nachlesen, warum: Vielleicht bleibt er in der BRD.

Wie Wolfgang Engler und Udo Tietz ist auch Krüger froh, dass die Ostdeutschen gegen die Sozialreformen auf die Straße gehen. Zu lange habe man alles in sich hineingefressen. Weil die Stimme der Ostdeutschen unterrepräsentiert ist, muss sie sich anders bemerkbar machen. Damit kein Missverständnis aufkomme: Ich bin kein Gegner von Sozialreformen, sagt Krüger, zumindest waren sie auf andere Weise notwendig. Aber dass ein Gesetz den Namen eines Konzernmanagers trägt, das ist ihm unbegreiflich. Das sei eine Ökonomisierung und damit typisch für eine Politik, der es an Wertorientierung mangele, an einer kulturellen Perspektive. Auch ein Zeithorizont fehle völlig. Niemand habe den Ostdeutschen gesagt, wann sie endlich als vollwertige Bürger behandelt werden.

Sogar die Urteile des Bundesverfassungsgerichts, des letzten Horts der BRD, schwiegen sich dazu aus. Doch Menschen sind endliche Wesen. Es kommt alles auf den Zeithorizont an, wenn die Verfassung nicht Makulatur sein soll.

Angleichung der Lebensverhältnisse heißt für Krüger nicht, regionale Unterschiede mit der Planierraupe einzuebnen. Ihm geht es um gleichwertige Chancen beim Zugang zum kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb. Will die Politik diesen Anspruch aufrechterhalten - oder will sie es nicht?

Wenn Bundespräsident Köhler den Verfassungsauftrag, gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland herzustellen, für unrealisierbar hält - nun bitte, dann solle er Farbe bekennen und seine Amtszeit nutzen, um eine Verfassungsänderung vorzubereiten. Anstatt mit atmosphärisch dahinschleichenden Verfassungsbrüchen zu leben, müsse es in Deutschland eine öffentliche Auseinandersetzung geben, bevor die Vertrauenskrise der Politik eskaliere.

Und warum sollte die westdeutsche Öffentlichkeit an dieser Auseinandersetzung ein Interesse haben? Ganz einfach, sagt Krüger. Weil sie selbst betroffen sei. Die Frage der bleibenden Chancenungleichheit ist exemplarisch für den künftigen Umgang mit den größer werdenden Chancenungleichheiten unter den Westdeutschen selbst. Was auf sie zukomme, zeige sich heute bereits in Ostdeutschland. Hier sieht man die künftigen Verteilungskämpfe. Der Weltbürgerkrieg um die Teilhabe an Weltbürgerrechten hat gerade erst begonnen.

Ist das nicht übertrieben? Nein, sagt Krüger. 1989 wurde Deutschland an die Weltgesellschaft angeschlossen, mit allem, was dazugehört, mit Firmen- und Kapitalflucht. Allerdings, mit Kapitalismuskritik habe das nichts zu tun, auch wenn wir gar nicht in einer richtigen Marktwirtschaft leben, weil vieles dem Wettbewerb entzogen ist.