Man möchte ja gar nicht griesgrämig sein. Man will nicht mahnend, warnend, oberlehrerhaft über filmische Sonntagsausflüge zu Opa Hitler in den Führerbunker schreiben, über pubertäre Wirrungen auf Nazi-Internaten und was da sonst noch alles kommen mag. Und doch gab es vergangene Woche, als die Hofer Filmtage ausgerechnet mit Dennis Gansels Film Napola - Elite für den Führer eröffnet wurden, jenen Moment, in dem man am liebsten eine kleine Polit-AG des deutschen Kinos gegründet hätte. Eine nette, keineswegs verkrampfte Arbeitsgruppe, die gemeinsam Hannah Arendt oder Siegfried Kracauer lesen und abends beim Bier über Gertrud Kochs immer noch schlagenden Satz Die Einstellung ist die Einstellung nachdenken würde.

Warum also muss ein 31-jähriger Regisseur wie Dennis Gansel nur unwesentlich ältere Kritiker und Kritikerinnen dazu bringen, sich wie ihre eigenen penetranten Alt-68er-Lehrer zu fühlen? Weshalb ist den Machern von Napola - Elite für den Führer nicht klar, dass eine Kamera, die sich endlos an zackigen Auftritten und hübsch geometrischen Uniform-Arrangements berauscht, irgendwann beginnt, mit ihrem Gegenstand zu kollaborieren?

Die Geschichte des boxbegabten blonden Jünglings, der in Hitlers Eliteschule seine große Chance sieht, erzählt Napola (von Januar an im Kino) als fast klassischen Internatsfilm und bedient sich am altvertrauten Inventar des Genres: herzhafter Kumpel Friedrich (Max Riemelt) und vergeistigter Grübler Albrecht (Tom Schilling), strenge Lehrer und kleine Rebellionen, pubertäre Konkurrenzkämpfe und die Entdeckung der ersten Triebe. Hier die wasserdichte Moral eines Drehbuchs, das seinen schlagkräftigen Helden gegen den nationalsozialistischen Darwinismus rebellieren lässt, dort die ungeheure Unbedarftheit der Ästhetik. Als der Internatspfarrer zwei Zöglingen die Nachricht vom Soldatentod des Vaters bringt, solidarisieren sich auftrumpfende Gegenklänge mit dem deutschen Leiden an der Ostfront. Eine Hand voll erschossener Russen bringt Schilling, den Zweifler, zwar zum Kotzen, umso schöner aber wiederum die bläuliche Kitschorgie, mit der die Kamera seinen Selbstmord im eisigen See feiert. Ein Boxkampf in Zeitlupe zelebriert den finalen Gipfel jugendlichen Heldentums: Friedrichs Verzicht auf die Reichssportschule in Berlin.

Dass ein junger Regisseur wie Dennis Gansel die nationalsozialistische Fanatisierung der Jugend nun zwischen Kitsch, Heroisierung und Ignoranz versenkt, wirkt wie ein politisches Rollback - zumindest angesichts jener deutschen Regisseursgeneration, für die der Umgang mit der deutschen Geschichte immer auch ästhetische Befragung und Positionierung war.

Tatsächlich wirkt die historische und darstellerische Last, die Ulrich Matthes in Volker Schlöndorffs Der neunte Tag auf seinen Schultern trägt, angesichts der properen Napola-Schüler noch um einiges drückender. Der neunte Tag ist ein recht konventioneller Film, dem man dennoch sofort anmerkt, dass seine Entstehung ein einziges spannungsvolles Ringen um die richtige Form, den passenden Ton, die angemessene Einstellung gewesen sein muss. Die ersten Minuten spielen im Pfarrerblock von Dachau. Man sieht Häftlinge beim Essen, dann beim Appell in der Baracke. Ein Geistlicher wird schwer misshandelt.

Während ein Aufseher ihm eine Eisenstange auf den Kopf schlägt, zieht sich die Kamera in eine unscharfe Zeitlupe zurück.

Aus der subjektiven Perspektive des luxemburgischen Priesters Henri Kremer (Matthes) filmt Schlöndorff später die Kreuzigung des Mannes. Es ist eine mit erstarrten Augen wahrgenommene Phantasmagorie, mehr regennasser Schemen als Bild. Die ersten Minuten sind die schockierendsten und sicherlich auch angreifbarsten des Films, vor allem aber sind sie der Versuch, sich einem ästhetischen Tabu, dem Blick in das Grauen eines Konzentrationslagers, zu stellen.