Das Sträßchen durch den Kiefernwald bei Peredelki im Westen Moskaus führte einst zu den Villen privilegierter Werktätiger des Kremls. Nahe der Uferstraße hatte in den sechziger Jahren das sowjetische Staatsoberhaupt sein Landhaus. Heute stehen schwarze Jeeps vor den mannshohen Holzwänden, an denen Plaketten der Sicherheitsfirmen wie Ehrenzeichen prangen. "Sie müssen 400 Meter geradeaus fahren, entlang der Häuser der Neuen Russen", hatte Walentin Falin am Telefon den Weg beschrieben, mit dem Unterton des Abscheus. Unter den bulligen Schlösschen der Neureichen sticht seine hellgelbe Datscha hervor. Seit 38 Jahren lebt Falin hier. Zur Amtszeit des Präsidenten Michail Gorbatschow galt er als bester Deutschlandkenner im Kreml – und als Kritiker der Vereinigung.

Damit war er im Europa von 1990 nicht allein. In den großen Ländern löste das Aufeinanderzurennen der Deutschen bei einigen Freude, bei anderen Zurückhaltung bis hin zur Bestürzung aus. Berlin wurde zur Bühne eines epochalen Spektakels, während in den Regierungskabinetten Europas über die Folgen für den Kontinent gebrütet wurde. Die Berater von Michail Gorbatschow in Moskau, von François Mitterrand in Paris und Margaret Thatcher in London wurden zu Fürstenflüsterern in Europas entscheidenden Monaten. Wie denken sie heute über ihre Befürchtungen von damals, wie über Deutschland 15 Jahre nach der Verschmelzung?

Falin zählte zu den Moskauer "Germanisty", die der damalige Präsidentenberater Georgij Schachnasarow als Angehörige "der alten Denkschule" bezeichnet hat. Als "Berliner Mauer" wurden sie von ihren Gegnern verspottet. "Sie waren eine besondere Sorte von Menschen, die sich in der Regel durch hohe Professionalität und äußerstes Misstrauen gegenüber dem Objekt ihrer Untersuchungen, den Deutschen und Deutschland, auszeichneten", sagte Schachnasarow.

Warum war Falin damals so skeptisch gegenüber der Vereinigung Deutschlands? Der 78-Jährige zeigt jenes absolut regungslose Gesicht, das seine diplomatischen Gesprächspartner immer irritierte. Seine Antwort schlägt den Bogen weit zurück, zu Stalin. Falin sagt, dass der sowjetische Führer die deutsche Teilung niemals akzeptiert habe. So habe auch er selbst gedacht. Falin übergeht dezent, dass er noch kurz vor der Maueröffnung in Ost-Berlin angedeutet hatte, der Kreml könne seinen Willen "in eiserner Manier" binnen weniger Stunden durchsetzen. Falin betont heute lieber: "Ich kam schon 1953 zu dem Schluss, dass die deutsche Einheit unausweichlich ist." Zu den Einheitsskeptikern will er nicht gezählt werden.

"Viele, auch Mitterrand und Thatcher, befürchteten den Aufschwung des deutschen Nationalismus", erinnert sich Falin und lässt dann sein favorisiertes Modell erkennen. "Wenn wir uns mit den Franzosen und Engländern zusammengetan hätten, wäre die Entwicklung anders verlaufen. Deutschland wäre eine Konföderation geworden." Der Kremlberater, den die Folgenlosigkeit seiner Memoranden an Gorbatschow noch heute erbost, setzte sich nicht durch. "Als Thatcher und Mitterrand Gorbatschow vorschlugen, unsere Stellungnahmen zu koordinieren, sagte unser Präsident nur, er wolle nicht die dreckige Wäsche des Westens mit waschen", erzählt Falin. "Als Mitterrand Gorbatschow vorschlug, zusammen nach Ost-Berlin zu fliegen, um die neue Führung der DDR zu unterstützen, sagte der ab." Die westeuropäischen Vereinigungsskeptiker mussten ihre Hoffnung auf ein Bündnis mit der Sowjetunion aufgeben.

Auf die Frage des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger, wie man die Hegemonie eines wiedervereinigten Deutschlands in Europa verhindern könne, hatte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1969 mit einem bösartigen Scherzwort geantwortet: "durch Krieg". Als zwanzig Jahre später die Mauer fiel, wurde die zwiespältige Stimmungslage in Frankreich offenkundig: Jubel bei den Bürgern, Zurückhaltung bei den Politikern. Während die Franzosen noch im Hochgefühl der Feiern zum 200. Jahrestag ihrer Revolution die Befreiung der DDR herzlich begrüßten, zeigte sich die auf Nationalinteresse und Staatsräson eingeschworene Regierung überaus vorsichtig.

François Mitterrands Politik nach dem Mauerfall? Resignative Nichteinmischung – das ist noch die günstigste Lesart der französischen Diplomatie, die sich mit der deutschen Dominanz nur widerwillig abfand. "Alles falsch", sagen zwei der engsten Mitarbeiter des Präsidenten, die im Herbst 1989 die Politik Mitterrands koordinierten. Sowohl Mitterrands diplomatischer Berater Jacques Attali als auch der ehemalige Sprecher des Präsidenten, Hubert Védrine, sehen Mitterrand als klaren Fürsprecher der Einheit, der die Deutschen von Sonderwegen abbringen wollte. "Ich habe keine Angst vor der Wiedervereinigung", erklärte der Präsident am 3. November 1989 in Bonn. "Die Geschichte schreitet fort, und ich nehme sie, wie sie kommt." Schließlich sei die Wiedervereinigung ein "legitimes Bestreben der Deutschen". Freilich gehörte es zu Mitterrands Gespaltenheit, den Untergang der Welt von Jalta zu wünschen, aber die Folgen ihres Zusammenbruchs dennoch zu fürchten.