Mitterrands größte Sorge sei ein Rückfall ins "Europa von 1919" mit zersplitterten Nationalstaaten gewesen, erinnert sich Védrine. "Wir befürchteten, dass Deutschland sich von Europa abwenden könne." Und wozu diente Mitterrands umstrittener Staatsbesuch in Ost-Berlin im Dezember 1989? Das sei der Versuch gewesen, die Übergangsperiode im Osten abzusichern und neutralistische Anwandlungen der DDR zu verhindern. Was allgemein als Notrettung der letzten DDR-Regierung galt, der die Franzosen noch einmal den letzten zweistaatlichen Lebenswillen einhauchen wollten, beschreibt Védrine als Teil einer seit langem geplanten Ostblock-Tour von Mitterrand. "Selbst US-Außenminister James Baker war damals in Ost-Berlin, acht Tage vor uns", sagt er.

Aber hat Frankreich seine Zustimmung zur Einheit nicht vom deutschen Verzicht auf die starke D-Mark abhängig gemacht? "Nur halb wahr" nennt Védrine diese Behauptung. Immerhin sei die Währungsunion schon auf dem EG-Gipfel in Straßburg im Dezember 1989 vereinbart worden. Damals wollten die Westdeutschen – vor allem die lafontainisierte SPD und die Grünen – von der Einheit noch gar nichts wissen. Mitterrand-Berater Jacques Attali sagt, die Franzosen hätten sogar, angestiftet durch Bundesbankpräsident Pöhl, auf Kanzler Kohl eingeredet, keinesfalls auf den ökonomischen Irrsinn des Wechselkurses von eins zu eins mit der Ost-Mark zu verfallen.

Was Paris 1989 ärgerte, war vor allem der Zehn-Punkte-Plan für eine deutsche Konföderation, den Helmut Kohl ohne Abstimmung mit den Franzosen erarbeitet hatte. Deshalb traf sich Mitterrand mit Gorbatschow in Kiew, um mit der Androhung einer Entente zwischen Paris und Moskau die Deutschen sowohl einzubinden wie auch einzudämmen, erinnert sich Védrine. Mitterrand habe alles unternommen, um Gorbatschow nicht zu schwächen. Jacques Attali betont, dass nicht Frankreich (wie Falin meint), sondern Gorbatschow und US-Präsident George Bush die größten Vereinigungszweifler waren. Frankreich habe die Polen bei der Oder-Neiße-Grenze unterstützt und damit geholfen, die deutsche Einheit auch international durchzusetzen.

Die vielen taktischen Bremsmanöver Mitterrands in der Vereinigungsphase deuten seine Berater als die Strategie des Präsidenten, das europäische Gleichgewicht auch mit einem vereinten Deutschland zu bewahren. Mitterrands Stop-and-go-Politik habe schließlich dazu beigetragen, dass Gorbatschows Warnung vor der "Wiedervereinigungsanarchie" grundlos blieb. Das Gewicht des vereinigten Deutschlands in Europa sieht Attali heute im europäischen Gemeinschaftsprojekt mit Frankreich wohl abgefedert. Allein Védrine stört sich daran, dass die Deutschen gemäß der EU-Verfassung mehr Stimmen im EU-Rat haben sollen.

In Deutschland, dem größten EU-Staat, sieht Margaret Thatcher auch heute noch "kein Land wie jedes andere". Man könne ihm seine Zukunftsgestaltung nicht getrost allein überlassen. Es wäre vielleicht diplomatischer, aber "unverzeihlich naiv" gewesen, die Tatsache zu ignorieren, schreibt die Eiserne Lady, dass "der deutsche Drang nach Dominanz zu meiner Lebenszeit zu zwei schrecklichen Weltkriegen und hundert Millionen Toten geführt hat". In ihrem Buch Statecraft erklärt Thatcher, warum sie mit Mitterrand und Gorbatschow versuchte, den so nicht erwünschten Lauf der Geschichte aufzuhalten. Bis George Bush sie daran erinnerte, dass Einheit und Selbstbestimmungsrecht stets das Ziel westlicher Politik gewesen seien.

Der Kollaps der Nachkriegsordnung traf die politische Klasse Großbritanniens wie ein Schock. Man besaß anders als Frankreich keine europäische Strategie, die Deutschen einzubinden. Seltsame Pläne wurden erwogen, etwa eine vertragliche Sicherheitsgarantie für die Sowjetunion. So bedrückend wirkte die Vision eines "Vierten Reiches", einer neuen Supermacht in der Mitte Europas. Zu groß, zu stark, zu unberechenbar, lautete die Warnung einer Expertenrunde in Chequers. Die Deutschen seien nicht nur leistungsfähig und organisiert, sondern besessen von Selbstmitleid und einer Neigung zu gefährlicher Selbstüberschätzung. Douglas Hurd, Thatchers Außenminister, teilte nicht den Drang seiner Chefin, die Einheit zu verhindern. Ihm lag an "einem geordneten Prozess und der Integrität der Nato", sagt Paul Lever, der zum außenpolitischen Stab Londons gehörte, bevor er 1992 als Botschafter nach Bonn ging.