Heute hat das "German problem" – obgleich immer im Blick britischer Außenpolitiker – an Brisanz verloren. Die Sorgen vor einem übermächtigen Deutschland sind abgeklungen. Großbritanniens Strategie, in der EU auf "Erweiterung statt Vertiefung" zu setzen, hat zugleich das deutsche Problem entschärft, sagt Paul Lever. In der vergrößerten EU werde Deutschlands Einfluss auch nach einer wirtschaftlichen Erholung begrenzt bleiben, glaubt er. Den Kurs Europas würden Paris und Berlin künftig nicht mehr wie früher bestimmen können. Deutschland werde künftig, sagt Lever, mehr "nach der Qualität seiner Leistung und Reformfähigkeit beurteilt als auf der Basis alter Ängste". Wechselnde Allianzen auf Zeit und der Wettbewerb politischer Ideen würden Europa 15 Jahre nach dem Mauerfall prägen.

In seinem Altersrefugium hadert Walentin Falin mit der Revolution von 1989. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion widmet er sich vor allem der Abrechnung mit Gorbatschow und dessen Außenminister Schewardnadse: "Sie verübten Verrat an den Interessen der Großmacht Sowjetunion." Vertane Chancen und ungenutzte Talente verzeiht Falin nicht. "So viel Intellekt habe ich in ihn hineingelegt – ohne Erfolg", sagt er über Gorbatschow, mit dem er zuletzt am 23. August 1991 sprach. "Ich warnte ihn: Wenn wir den Beitritt der DDR zur Nato zulassen, werden Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei die Nächsten sein." Die Verschiebung der Sicherheitsgrenzen in Europa ist eine der Einheitsfolgen, die den russischen Patrioten und Denker des Kalten Krieges noch heute verdrießt. "Früher hatten wir eine Raketen-Vorwarnzeit von zwanzig Minuten, und jetzt sind es zwei", empört er sich. "Unsere Sicherheit ist auf das Niveau des 17. Jahrhunderts gesunken."

Der Zweite Weltkrieg hat Falin geprägt. 27 seiner Verwandten kamen um. Nach dem Krieg studierte er Deutsch, um zu verstehen, wie "ein Volk von solcher Höhe herabstürzen kann". Mit der deutschen Vereinigung findet er sich notgedrungen und etwas missmutig ab. "Ich wollte immer ein einiges, friedliches Deutschland in Gerechtigkeit", sagt Falin zum Abschied am Gartentor, nachdem er dem Besucher die Fliederbäume und den selbst verlegten Steinweg gezeigt hat. "Doch so richtig ist die Einheit nicht gelungen." In der Regenluft des herbstlichen Waldes und mit Blick auf die stolze Zypresse, die ihm einst die Frau des stellvertretenden DDR-Außenministers Michael Kohl schenkte, klingt das fast ein bisschen versöhnlich.

Jürgen Krönig, Michael Mönninger, Michael Thumann, Johannes Voswinkel