Wer jetzt schläft, ist tot. Wie selbstverständlich sagt ein junger Mann den Satz der Stunde in das Mikrofon eines Fernsehreporters. Nur diesen einen Satz, dann verschwindet er in der Menge. Es ist der späte Abend des 9. November 1989. Die Mauer ist offen, die Menschen fluten von Ost nach West, die meisten von ihnen entdecken einen neuen Kosmos: den westdeutschen Kapitalismus.

Alle Welt war davon überzeugt, dass es die Deutschen schaffen würden, nicht nur die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu bewältigen, sondern auch die zweier Wirtschaftssysteme. Die amtierende Bundesregierung versprach gar blühende Landschaften fast zum Nulltarif. "Wir können ein solches Projekt im Grunde mit dem Wirtschaftswachstum der nächsten Jahre finanzieren", beteuerte Finanzminister Theo Waigel.

Die Verheißungen blieben unerfüllt. Die Arbeitslosigkeit im Osten liegt heute bei 20 Prozent, von der Industrie ist wenig übrig, die jungen Leute wandern ab. Von einem sich selbst tragenden Aufschwung, einer Konvergenz zwischen Ost und West, einem Zusammenwachsen dessen, was da zusammenwachsen soll, keine Spur. Warum kam es zu dieserdramatischen Fehlentwicklung? Weil die Ausgangslage falsch eingeschätzt wurde und die westdeutschen Politiker nach dem Mauerfall eine Reihe folgenschwerer Fehlentscheidungen trafen.

In den Jahren vor der Wende galt es im Westen als unbestritten, dass die DDR zum Kreis der zehn führenden Industrienationen der Welt gehöre. Das verkündete wenigstens die seriöse Weltbank. Tatsächlich stand die Wirtschaft der DDR Ende der achtziger Jahre vor dem Bankrott. Gerhard Schürer, 16 Jahre lang oberster Plankommissar, erklärte am 27. Oktober 1989 vor dem SED-Zentralkomitee, die Zahlungsfähigkeit der DDR sei gefährdet, ein "funktionierendes System der Leitung und Planung" existiere nicht. Und in seinen Memoiren schrieb Schürer: "Die Planer sahen anhand untrüglicher Zahlen das Ende der DDR viel früher voraus als mancher andere."

Die Währungsfalle. Die Bürger wollten vom DDR-Sozialismus nichts mehr wissen. Im Februar 1990 zogen sie hinter diesem Transparent durch Leipzig: "Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr." Helmut Kohl fackelte nicht lange und verfügte den schnellen Umtausch der Ost-Mark in D-Mark. Am 1. Juli 1990 trat der Vertrag zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion mit der DDR in Kraft. Um Mitternacht prügelten sich die Bürger vor den Bankschaltern ums neue Geld. Politisch war die Aktion ein Erfolg, wirtschaftlich eine Katastrophe. Der Umtauschkurs 1:1 für Löhne, Preise, Verbindlichkeiten und einen Teil der Ersparnisse kam einer Aufwertung für die DDR-Wirtschaft von rund 400 Prozent gleich – und machte sie für den Wettbewerb untauglich. Exporte wurden zu teuer, Westwaren überschwemmten den ostdeutschen Markt. Bis Ende 1990 schrumpfte die Industrieproduktion um 60 Prozent. Von über neun Millionen Arbeitsplätzen verschwand ein Drittel innerhalb kürzester Zeit.

Das Treuhand-Desaster. Am 1. März 1990, also schon vor dem Ende der DDR, schlug mit der "Verordnung zur Umwandlung von volkseigenen Kombinaten, Betrieben und Einrichtungen in Kapitalgesellschaften" die Geburtsstunde der Treuhandanstalt. Ihr wurde das Schicksal von dreieinhalb Millionen Beschäftigten und von über 8000 volkseigenen Unternehmen anvertraut. Vom Traum, Volksvermögen an das Volk zu verteilen, blieb nichts. Der Historiker Jörg Roesler: "Die Anstalt wurde aus einer Verwalterin des Volkseigentums im Interesse der Allgemeinheit zu einer Privatisierungsbehörde zugunsten kapitalkräftiger Investoren."