Gregor Mendel und Google? Was haben der Mönch und die ganz und gar weltliche Internet-Firma miteinander zu tun? Firmensprecher Stefan Keuchel löst das Rätsel mit einer kühnen historischen Deutung: Mendel sei ein Vorbild, weil er vor 150 Jahren die Vererbungsgesetze mitten im Dienst in seinem Kloster erforscht habe. Auch jeder Google-Ingenieur soll 20 Prozent seiner Arbeitszeit frei für eigene Projekte nutzen. An dieser langen Leine haben sich die Programmierer laut Keuchel eine Menge ausgedacht, von der neuen Suchmaschine bis zum Nachrichtendienst; entweder im Team auf dem Segelboot oder allein im Lieblingscafé.

Klingt einleuchtend, dass besonders kreativ ist, wer sich mal abseilt aus dem Betriebstrott; wer sich Zeit gönnt und seine Lieblingsumgebung sucht, sei es Ungestörtheit oder reichlich Außenreize. Wenn also Unternehmer und Manager Erfindungen und Innovationen beflügeln wollen, dann müsste die Konsequenz eindeutig sein: Schafft Tüftelecken, Spinnergruppen, Spielwiesen! Doch de facto ist die Freiheit des Ausprobierens alles andere als grenzenlos, wie der folgende Einblick in die organisierte Erfinderszene zeigt.

"Am Ende holen sich Forscher auf der Spielwiese nur eine Erkältung"

Schon die Verordnung "Sei kreativ!" hält Stephan A. Jansen, Präsident der privaten Zeppelin University am Bodensee, für einengend: "Ein Paradox! Am Ende holt man die Forscher von der Spielwiese wieder rein, und sie haben sich dort vielleicht nur eine Erkältung geholt." Forschungschefs wie Lutz Heuser vom Software-Konzern SAP mögen die Spielwiesen-Metapher nicht, "weil sie klingt, als ob Forschung keine harte Arbeit wäre". Auch der 20-Prozent-Google-Regel misstraut Heuser: "Das Unternehmen möchte ich sehen, das unter dem heutigen permanenten Zeitdruck diesem Anspruch standhält!"

Tatsächlich beobachtet auch der Chemiker und Forschungsmanager Jürgen Klingen bei 3M, wo Entwickler ebenfalls über einen knappen Tag pro Woche frei verfügen können, dass diese Regel zwar eine produktive Atmosphäre schaffe: "Jeder weiß hier, dass Eigeninitiative erwünscht ist." Aber: "Die Zeiten werden härter, und immer öfter stellen wir fest: Die Woche ist schon wieder vorbei und war randvoll." Wer soll da noch auf 3M-Paradeprodukte wie den kleinen gelben Klebezettel namens "post it" kommen?

Der wachsende Konkurrenzdruck und sich überschlagende Produktzyklen gefährden überall Zeitpuffer, ergebnisoffene Begegnungen und individuelle Rückzugschancen – also jene im Gegensatz zu organisierten "Spielwiesen" flexiblen Freiräume, von denen auch SAP-Forscher Heuser meint, dass ohne sie weder Erfindungen noch marktgängige Zukunftsideen entstehen können.

Keineswegs sind die unverplanten Stunden nur wegen des anregenden Lustfaktors wichtig. Originelle Forschung, betont vielmehr der Physiker und Nobelpreisträger Georg Bednorz von IBM, brauche auch "eine Intimsphäre" – und das besonders, "wenn man an einem Thema arbeitet, das nicht den Trends entspricht". Er habe seine Studien lange "nebenher mitlaufen lassen", sagt er, "sodass man mir nicht gleich über die Schulter gucken konnte". Den Freiraum gebe es heute kaum noch.

Schlecht für Innovationen, die doch im verschärften Konkurrenzkampf, der ihre Entwicklungsräume killt, überlebenswichtig sind. Das ist für Hochschulpräsident Jansen das zweite Freiheitsparadox. Und nachdem viele Unternehmen dieses Spannungsfeld erkannt hätten, produzierten sie aktuell Paradox Nummer drei mit dem Versuch, die Innovation samt Freiräumen zu "industrialisieren", also in Normen zu zwängen. Etwa mit einem computergesteuerten, strengen Vorgaben folgenden Innovationsmanagement.