Energie kann nicht zerstört, sondern nur von einer Form in eine andere umgewandelt werden - das ist ein Satz, der in den vergangenen hundertfünfzig Jahren die Physik vorangebracht hat. Hasko Weber scheint damit beschäftigt zu sein, diesen wegweisenden Energiesatz auch auf den Theaterbetrieb zu übertragen. Nichts darf verloren gehen, kein Gefühl und kein Gedanke, die Wucht eines Dramas muss erhalten bleiben. Also funktionieren seine Inszenierungen im Idealfall wie Energiewandler: Sie sorgen dafür, dass die gewaltigen Kraftströme, die in den Texten bisweilen seit Jahrhunderten gespeichert sind, auf der Bühne abgerufen werden, wenn es geht, ohne Verluste. Und schon strahlen, leuchten und glühen die Figuren, schon sind ihre Körper, ihre Monologe bis zum Bersten angefüllt mit Idealismus, Enthusiasmus, Fanatismus. Und schon rücken uns die Helden und Antihelden, die der 41-jährige Regisseur aus dem Totenreich holt, erschreckend nah.

Da ist zum Beispiel Hans Harder, der Gymnasiast in Arnolt Bronnens Recht auf Jugend, das Weber vor zwei Jahren in Mannheim inszeniert hat: Der in die Pubertät (und Nietzsche) verstrickte Bursche träumt und fiebert von einer Jugendbewegung, die endlich mit Eltern und Lehrern, mit erwachsener Vernunft und bürgerlicher Kultur ins Gericht geht, gründlich, ohne Mitleid, in heiliger Raserei. Da sind Brand und Peer Gynt, die beiden draufgängerischen Titelhelden von Henrik Ibsen, denen Weber in Stuttgart ein neues, ungestüm pulsierendes Herz eingepflanzt hat: Im Abstand von einem Jahr, 2002 und 2003, ließ er den Gottesmann Brand und den Bauernsohn Peer durch die Welt toben, zwei Hasardeure, die auf völlig unterschiedliche Weise ihr Heil suchen - und doch sind die beiden Tatmenschen zutiefst miteinander verwandt. Mit überbordender Vitalität wollen sie ihr Leben in den Griff bekommen, mit der Energie von Wahnsinnigen, die im Nu zerstörerische, auch selbstzerstörerische Züge annehmen kann. Wie bei Hans Harder, dem Schuljungen von Bronnen, wie bei Franz und Karl Mohr, den ungleichen Brüdern in Schillers Räubern, die Hasko Weber jetzt am Berliner Ensemble herausbringen wird.

Woher rührt das Interesse an Menschen, die bedrohlich viel größer sind als wir? Was reizt den Regisseur an Extremisten, an freien Radikalen? Ich will die Figuren keineswegs verurteilen, überhaupt nicht, sagt Weber im Musikzimmer des Theaters am Schiffbauerdamm, in das von fern Kindergeschrei dringt, Moralisieren ist nicht meine Absicht. Er wolle die Menschen, zum Beispiel Franz und Karl, ganz nüchtern, sachlich, nachvollziehbar darstellen.

Die Wertung überlasse er dem Zuschauer, erklärt der bescheiden auftretende Weber. Und wer seine schlanken und transparenten, dabei auch immer sinnlichen Arbeiten kennt, der weiß, dass diese Selbsteinschätzung zutrifft. Ob er Sophokles oder Lessing, Ibsen oder Schiller inszeniert, fast immer untersucht der Regisseur, der sich von den Energiefeldern der Theaterstoffe anziehen lässt, extreme Standpunkte - und das mit beinahe wissenschaftlicher Akribie.

Um einen Satz von Alexander Kluge abzuwandeln: Das Theater des Hasko Weber ist ein gefährliches Kraftwerk der Gefühle und Gedanken.

Ja, auch der Gedanken! Ebendarum erlaubt sich dieser Vertreter einer neuen Ernsthaftigkeit, der 1963 in Dresden geboren wurde und dreißig Jahre später dort Schauspieldirektor wurde, keine Inszenierungsmätzchen, keine nur äußerlichen Modernisierungen von Theaterklassikern. Ich versuche, den Text von innen heraus zu verstehen, die Figuren dort abzuholen, wo sie der Autor, beispielsweise über das ihnen zugeordnete Versmaß, hingestellt hat, erläutert Weber. Eine konzentrierte Spracharbeit, die ihren Niederschlag auch auf der Bühne findet. Meist ist die Spielfläche aufgeräumt und von allem Ballast befreit, nicht um einen Stoff zu verkleinern, sondern um das Wesentliche scharfkantig hervorzukehren, den Stoff also zu vergrößern. Beim Stuttgarter Brand ist ihm das exzellent gelungen. Webers Ästhetik der Klarheit entfaltete sich auf einer schrägen Ebene und brachte ein als unspielbar geltendes Monsterdrama dem elektrisierten Publikum nahe. Für diese Ibsen-Rehabilitation hat Hasko Weber 2002 den Bayerischen Theaterpreis eingeheimst.

Im kommenden Jahr wartet auf den Mann, der gesprächsweise den gleichen Eindruck hinterlässt wie seine Inszenierungen, der also bedachtsam, klug und pathosfrei redet, eine neue Herausforderung. Als Nachfolger von Friedrich Schirmer, der nach Hamburg wechselt, übernimmt er in Stuttgart das Schauspielhaus. Eröffnen wird der designierte Intendant mit sechs Premieren, eine davon wird er selbst besorgen: Faust I - Goethes Kraftwerk der Gedanken und Gefühle, gerade richtig für einen Regisseur, der den Energiesatz der Physik aufs Theater übertragen will.