Wir sind besorgt. Die deutsch-polnischen Beziehungen galten lange als europäisches Erfolgsmodell. Umso irritierender ist es, dass heute dunkle Schatten sie trüben. Neben den Auseinandersetzungen um den Irak und die EU-Verfassung ist dafür, wie so oft, unsere schmerzhafte gemeinsame Vergangenheit verantwortlich. In Polen heißt es, wir Deutschen seien gleichgültig gegenüber Ängsten, die das geplante Zentrum gegen Vertreibungen oder die Preußische Treuhand bei unseren Nachbarn auslösen. Hierzulande ist man bestürzt über die Sejm-Resolution zu Reparationsforderungen an Deutschland. In unserer Partnerschaft hat sich eine gewisse Ratlosigkeit eingestellt. Hat sich etwa die früher viel beschworene Interessengemeinschaft mit der EU-Erweiterung erschöpft? Folgt jetzt die Konfliktgemeinschaft?

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind zu wichtig, als dass wir uns das leisten könnten! Wegen der ökonomischen Asymmetrie zwischen unseren Ländern, wegen der unterschiedlichen politischen Erfahrungen und den Traumata der Vergangenheit werden auch künftig viele europäische Krisen gleichzeitig deutsch-polnische Konflikte sein. Beide Länder haben das Potenzial, sich gegenseitig - und damit die EU - zu blockieren. Aber umgekehrt gilt auch: Wenn Polen und Deutschland sich einig werden, kann dies zum beiderseitigen Nutzen die halbe Miete für einen europäischen Kompromiss sein. Wir brauchen daher eine strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen! Auch in kontroversen Fragen müssen wir - ähnlich wie Deutschland und Frankreich - zu dieser Partnerschaft stehen und einvernehmliche Lösungen suchen. Durch die bereits weit entwickelte Zusammenarbeit der Zivilgesellschaften bestehen dafür gute Grundlagen. Aber wir müssen uns um eine solche Partnerschaft immer wieder aufs Neue bemühen und gegebenenfalls auch innenpolitische Widerstände überwinden. Und diese Partnerschaft muss durch gemeinsame Projekte gefestigt werden.

Wir brauchen dafür tragfähige Strukturen und einen Meinungsaustausch auf kurzem Weg. Bereits seit Jahren gibt es die deutsch-polnischen Regierungskonsultationen. Kürzlich haben sich beide Parlamentspräsidien zum Austausch getroffen. Regelmäßige gemeinsame Sitzungen von Parlamentsausschüssen sind wünschenswert. Auch in den Gesellschaften muss das Bewusstsein um die Bedeutung der Partnerschaft stärker verankert werden. Nur so kann der Populismus, der sich in Polen auch auf Deutschland erstreckt, geschwächt werden. Und umgekehrt würde die deutsche Debatte wohl anders verlaufen, wenn bei uns das Wissen um die historischen Erfahrungen der Polen größer und der Wille, darauf Rücksicht zu nehmen, weiter verbreitet wäre.

Prof. Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages a. D. Dr.

Angelica Schwall-Düren, Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion