An Ehrgeiz fehlte es den EU-Regierungschefs nicht, als sie sich im Frühjahr 2000 in Lissabon vornahmen, die "Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten, wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen". Für dieses Ziel sprachen gute Gründe. Hatte die EU noch bis Mitte der neunziger Jahre gegenüber den USA eindrucksvoll Boden gutgemacht, erlebten die Amerikaner nun einen regelrechten Dauerboom. Die Faszination der New Economy, die Amerika zu dieser Zeit beflügelte, ist auch der Erklärung von Lissabon anzumerken: Der für Europa – und gerade für Deutschland – überaus wichtige industrielle Sektor kam in der neuen europäischen Wachstumsstrategie ziemlich kurz. Stattdessen wurden auf nachfolgenden Gipfeltreffen den ohnehin schon komplexen Zielen weitere hinzugefügt. Die Prioritäten verschwammen.

Heute steht fest: Der wirtschaftliche Sprung nach vorn ist Europa nicht gelungen. Und für die meisten EU-Bürger ist das Lissabon-Projekt noch immer ein gut gehütetes Geheimnis. War "Lissabon" also ein Irrweg, den die EU eingestehen und beenden sollte? Nein, das wäre ein schwerwiegender Fehler.

Die grundlegende Ratio von Lissabon ist gültiger denn je: Keine europäische Nation kann auf sich allein gestellt im weltweiten Wettbewerb erfolgreich agieren. Jeder Schritt eines EU-Mitgliedstaates zu mehr Wachstum und Wettbewerbsstärke gewinnt an Durchschlagskraft, wenn er mit anderen Mitgliedstaaten abgestimmt ist. Je besser es der EU insgesamt gelingt, Wissensentwicklung und Marktöffnung voranzutreiben, desto wettbewerbsfähiger wird die Volkswirtschaft jedes einzelnen Mitgliedstaats. Die Lissabon-Strategie als ein Bündel von sich gegenseitig beeinflussenden und verstärkenden Reformen bleibt die überzeugendste Antwort Europas auf die Herausforderung der Globalisierung.

Dabei waren die vergangenen vier Jahre für die Umsetzung der Lissabon-Strategie alles andere als förderlich. Das Platzen der Internet-Blase, Finanz- und Unternehmensskandale sowie die Terror-Anschläge vom 11. September 2001 verschlechterten das internationale Wirtschaftsklima. Und innerhalb der EU stand nicht die Umsetzung einer kohärenten Wachstumsstrategie im Vordergrund, sondern die – politisch unbezweifelbar notwendige – Erweiterung der Union und die Debatte um eine Europäische Verfassung. Der EU-Kommission ebenso wie den meisten Mitgliedstaaten fehlte es am Willen und an der notwendigen Kraft, um die Lissabon-Erklärung im Wege umfassender Reformen auch umzusetzen.

Mit der 2004 vollzogenen Erweiterung hat sich die EU von Lissabon zunächst noch weiter entfernt: Ob Pro-Kopf-Einkommen oder Produktivitätsniveau, ob Forschungsaufwendungen oder Erwerbstätigenquote: In allen Schlüsselgrößen liegen die neuen Mitglieder deutlich unter dem bisherigen Durchschnitt. Gewiss, es gab auch Fortschritte: Die Beschäftigungsquote in der EU der 15 stieg, einige EU-Staaten – darunter Deutschland – haben ihre Forschungsausgaben deutlich erhöht. Insgesamt aber ist Europa weiter zurückgefallen. Die USA erleben gegenwärtig eine neue Wachstumsphase. Japan hat sich von einer langen Krise erholt. Und in China und Indien erwachsen Europa zusätzliche Wettbewerber von beachtlicher Dynamik.

So spricht wenig dafür, dass die EU die selbst gesteckten Ziele bis 2010 erreichen kann. Wenn es jedoch nicht gelingt, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit deutlich zu steigern, werden sich die Europäer ihr Gesellschaftsmodell, in dem die Bürger abgesichert werden gegen fundamentale Risiken von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter, das jungen Menschen einigermaßen gleiche Bildungschancen einräumt und das sich auf eine soziale Marktwirtschaft stützt, nicht mehr leisten können. Mehr Wachstum und höhere Wettbewerbsfähigkeit sind keine Ziele in sich, sie sind die Voraussetzung für die Sicherung des europäischen Gesellschaftsmodells in einer veränderten Zeit.

In unserem Bericht haben wir deshalb eine Reihe miteinander verbundener, ineinander greifender Initiativen und Strukturreformen benannt. Sie beziehen sich auf fünf Bereiche: den Aufbau der Wissensgesellschaft, die Vollendung des Binnenmarktes, die Verbesserung des unternehmerischen Klimas, Reformen des Arbeitsmarktes und eine nachhaltige Umweltpolitik.